Abstellgleis

Den Prosa-Durchgang unseres TREIBHAUS-Wettbewerbs Ende 2018 hat Luisa Aeberhard aus Frauenfeld gewonnen. Lesen Sie hier Ihre Kurzgeschichte.

Abstellgleis

Unter der Tür schimmert Licht durch. Er sitzt in einer Bananenschachtel – die Beine angewinkelt, den Kopf in beide Hände gestützt, die Ellbogenspitzen bohren sich in seine Knie. Er liebt das Alleinsein. Vor allem hier im Keller, wo ihn Dunkelheit umgibt, wo er fantasiert – von Witwen mit Trauerschleiern, die ihn umzingeln. Hier denkt er nach, ordnet seine Gedanken, denkt sich Geschichten aus. Im Alleinsein kann er alles sein. Auf der Jagd nach dem Unmöglichen, sein Kopf voller Möglichkeiten, scheint ihm alles so nah.
Fernes Stimmengewirr lässt ihn zusammenzucken. Er verscheucht die Witwen, hält inne, hält aus. Eine Glocke läutet zum Abendessen – ausgeträumt.

Er setzt sich zu den anderen an den Tisch, wirft einen Blick in die Runde. Der Platz neben ihm ist leer; sie fehlt ihm. Er löffelt still seine Buchstabensuppe. Céline nickt ihm zu, die anderen ignorieren ihn. Er nennt Céline Panther, weil sie immer nur Schwarz trägt und sich geschmeidig bewegt. Auch den anderen gibt er Übernamen. Er hat sich mit Lulatsch, Hexe, Zicke und Panther noch nie gut verstanden. Er mag es nicht, wenn Hexe mit ihren fiesen Geschichten prahlt. Hexe wirft Nacktschnecken in heisses Wasser und zerstückelt Regenwürmer. Er mag es nicht, wenn Lulatsch ihr Kuchen kauft, weil er weiss, dass sie ihn nur benutzt und nichts mehr liebt, als sich mit Süssem vollzustopfen. Er mag es nicht, wenn Zicke mit ihrem Freund telefoniert, nur um ihn anzuschnauzen, was für ein Mongo er sei. Er mag es nicht, wenn Panther sich die Augenbrauen zupft, weil ihr Gesicht dann noch gefährlicher wirkt.
Er stellt den Teller beiseite. An seiner Handfläche kleben fünf Getreidebuchstaben, die er aus der Bouillon herausgefischt hat. Er bringt sie in die richtige Reihenfolge: Frida.

«Wir gegen den Rest der Welt!», rief sie in die klare Nacht hinein. «Lass dich nie von jemandem unterkriegen! Hörst du, Jacques?», sie schüttelte ihn am Arm. «Nie, versprich mir das.» Er schaute sie durch seine dicken Brillengläser an, eingeschüchtert, schlotternd ob der Kälte, und hauchte «versprochen».

Er blickt erneut auf den leeren Platz neben ihm, dann auf die Buchstaben in seiner Handfläche: Frida, er vermisst sie.

Sie starrten in den Nachthimmel. Silberne Schäfchenwolken schoben sich vor den Mond. «Sieht aus wie eine Schneelandschaft», sagte er leise, noch immer etwas eingeschüchtert.
«Hm», murmelte sie und riss die Augen weit auf: «Komm, lass uns Ski fahren gehen.»
«Kann ich nicht, kann nur Schlitten fahren.»
«Auch gut, fahren wir eine Runde Schlitten.» Sie stupste ihn in die Rippen: «Aber du sitzt vorne, falls wir in den Mond prallen.»

Er bringt Löffel und Teller in die Küche, wo er sich eine Papierserviette holt, und geht auf sein Zimmer. Frida kommt mit, eingewickelt in der Serviette, die er in seine Hosentasche steckt.

Er liebte ihren Speck am Bauch und an den Hüften, der für ihn etwas Mütterliches verkörperte. Sie strahlte Ruhe aus, war geerdet. Sie schenkte ihm das, was ihm seine Mutter nie geben konnte: Geborgenheit. Er fühlte sich von ihr beschützt. An Wintertagen nahm sie ihn manchmal unter ihre Daunenjacke. Sie öffnete den Reissverschluss, winkte ihn zu sich, worauf er sich an sie drückte. Seine Hände umklammerten ihre Hüften, er schmiegte seine Wange an ihren Pulli, unter dem er den puddingweichen Bauch spürte. Sie machte den Reissverschluss bis zum Bauchnabel zu, so dass er den Kopf noch frei hatte, und nahm ihn in ihre kräftigen Arme. So standen sie für eine Weile still da, bemutterten einander und spendeten sich Trost.

Seine Mutter hatte ihn nie beschützen können. Sie hatte nach Einsamkeit gerochen, einem Gemisch aus Zigarettenrauch, Kokosnusslotion und Bier. Manchmal hatte er seinen Kopf auf ihren Busen gelegt, er hatte ihren Atem gespürt – ein gutes Gefühl –, aber keine Wärme. Die Ernüchterung: ein grobes Wegstossen. In ihren Augen eine Leere, dann: «Was machst du? Geh weg!»
Im Zimmer packt er Frida behutsam aus, schmeisst die Serviette in den Papierkorb, öffnet das Fenster, legt Frida aufs Sims, macht die Lavalampe an, greift nach der Holzschatulle auf dem Nachttisch, öffnet deren Deckel und holt eine tote Hummel heraus. «Pummelchen» hat er in den Deckel geritzt.

Sie streunten durch die Strassen – nach der Schule, manchmal auch heimlich in der Nacht –, malten sich einen Alltag fernab des Heims, ein Wie-es-hätte-sein-können-Leben mit ihren Müttern, aus. Jacques’ Mutter hätte nur Tee und Wasser getrunken, hätte ihm bedingungslose Liebe geschenkt, hätte ihn umarmt und auch mal am Kopf gekrault, ihre Haut hätte nach Rosen geduftet. Frida hatte sich eine Mutter gewünscht, die ihr morgens das Haar gekämmt hätte, die an ihre Gesangsauftritte gekommen wäre, die einen netten Freund gehabt hätte, die ihr einen Gutenachtkuss gegeben hätte, um sie vor bösen Geistern zu beschützen.
Sie flohen vor ihrem Schmerz, verloren sich in Wunschvorstellungen, vernebelten sich, bis zur Entfremdung, vergassen, wer sie sind.

Er setzt sich auf die Bettkante, legt die Hummel auf sein Knie, so dass sie auf dem Rücken liegt, und fährt mit dem Zeigefinger über ihren pelzig behaarten Bauch.

An Sommertagen spielten sie das «Zigarettenspiel»: Sie suchten nach Kippen – die sie in einer Dose aufbewahrten –, um sie dann an ihrem Geheimort, auf dem Abstellgleis, zu rauchen. Sie sassen zueinander gewandt je auf einer Schwelle, eingeklemmt zwischen den Schienen, und saugten den Rauch in ihre Lungen. Wer dabei etwas sagte oder lachen musste, hatte das Spiel verloren. Sie versuchte zu schummeln; piekste ihn mit einem Grashalm in die Wangen. Manchmal nahm er sein Radio mit aufs Gleis. Sobald die Musik lief, legten sie sich mit den Rücken auf die Schienen und hielten sich an den Händen, bis das Lied zu Ende gespielt war, bis ihre Rücken taub wurden vor Schmerz.

«Mein Pummelchen», flüstert er, dreht die Hummel wieder auf den Bauch und streicht ihr die Flügel glatt. Er packt die Hinterbeinchen, zieht daran, bis sie in seinen Fingern zerbröseln. Dasselbe macht er mit den vier restlichen Beinchen, anschliessend pustet er einmal fest in seine Handflächen.

Morgens wartete er, bis sie an seine Tür klopfte. Wenn er ihr öffnete, schaute er jeweils zuerst auf ihre Füsse, die in Biene-Maja-Pantoffeln steckten, und schliesslich zu ihr hoch. Sie zog ihn am Arm auf den Flur – er schnappte sich noch den Schulranzen –, bis zur Garderobe. Er beobachtete sie von der Seite, wie sie in ihre Schuhe schlüpfte, ihr glänzendes Haar im Nacken zusammenband, die Arme ausstreckte und über die Fliesen trippelte, als würde sie demnächst davonfliegen. Sie zwinkerte ihm zu: «Na, Adlerauge, gehen wir?» Ertappt drehte er sich weg.
Er reisst an den Flügeln der Hummel und zieht den Stachel raus. Mit einer Pinzette zupft er abwechslungsweise ihre gelben und schwarzen Härchen aus. Mit einer Schere trennt er den Kopf vom Körper.

«Er liebt mich, er liebt mich nicht», zischelte sie und zupfte dabei die Blütenblätter eines Gänseblümchens ab. Seine Füsse scharrten im Schotter, so dass Staub aufwirbelte. Sie hielt ihm eine Flasche Fusel hin. Er schüttelte den Kopf.
«Weichei!», schnauzte sie und trank den Alkohol in grossen Schlucken.
«Aufhören!», schrie er, ballte die Hand zur Faust und schlug sich damit gegen die Stirn.
Sie weinte – «zu fett, hat er gesagt» – und fügte an: «Wie konnte ich bloss so naiv sein?»
Er seufzte, zuckte mit den Schultern. «Lass dich nie von jemandem unterkriegen – weisst du noch?»
«Wir gegen den Rest der Welt», sagte sie spöttisch. «Uns wird nie jemand lieben. Nie, verstehst du?»
Er bohrte sich mit den Fingernägeln ins Fleisch. «Lügnerin!»
«Schau uns doch mal an – du, das Kind einer Säuferin, und ich, das Hurenkind.» Sie zog ein Pillendöschen aus der Rocktasche und hielt es in die Luft. «Die Welt, sie liebt uns nicht. Schuld daran sind unsere Mütter. Kinder wie wir sind verdammt, keine Wärme zu bekommen.»
Er schwieg, löste die Faust und rappelte sich auf.
Sie schaute zu ihm hoch, lächelte noch, bevor sie ihm befahl, er solle sich aus dem Staub machen.
Er zerrte sie am Ärmel: «Lass uns von hier verschwinden, bitte.»
Sie fuhr hoch. «Hau endlich ab!»
Er schnappte nach Luft, als er den Schlag im Bauch spürte.
«Verpiss dich!», rief sie mit heulender Stimme.

Behutsam nimmt er den Hummelkopf von seinem Knie und pinnt ihn an die Wand zu den anderen Insektenköpfen. Er stellt sich vor, wie die Sezierten – die Heuschrecke, die Libelle und der Schmetterling – um ihre Kumpanin trauern: Sie würden auf ihren Köpfchen winzige Trauer­schleier tragen.
Er tappt zum Fenstersims – Frida; er nimmt die Buchstaben in die Hand, atmet tief ein und pustet sie weg: «Flieg, Pummelchen!»

«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»