Die Anlage

Ein Experiment.

Die Anlage
Demian Lienhard, fotografiert von Younès Klouche/BAK.

Jeweils nach Schulschluss brach der Krieg aus. An der Grenze fuhren Panzer auf, Maschinengewehrschützen wurden in Stellung gebracht, die Rohre von Artilleriehaubitzen und Raketenwerfern reckten sich in die Höhe. Die Gleise, vorsorglich mit Panzersperren abgeriegelt, wurden vermint, so dass für die Züge nirgends mehr ein Durchkommen war; bis weit über die Grenzen wirkte sich der Konflikt aus, wegen der Blockierung dieser einen Stelle musste der Betrieb auf dem gesamten Netz eingestellt werden. Dass das kleinste Territorium auf der Karte imstande war, eine solche Schlüsselrolle zu spielen, erfüllte seinen Eigner mit dem Gefühl grosser Macht, die er genau besehen nicht hatte. Dieser Eigner war ich.

Das Gebiet, über das ich unumschränkt herrschte, war nahezu quadratisch, bestand aus einer Handvoll flacher Hügel und einem winzigen Teich. Es wurde von einer Doppeltrasse durchschnitten, die hier eine weitschweifige Kurve zog. Schliesslich ragte im Süden auch der letzte Teil eines Abstellgleises hinein. Im Zweifelsfall konnte ich hier den hintersten Wagen eines Güterzuges beschlagnahmen.

Mein Stück Land befand sich am nördlichen Ende einer riesigen Modelleisenbahnanlage. Acht Meter lang und stellenweise bis zu drei Meter breit, bestand sie streng genommen aus drei Anlagen, die nach und nach zusammengeführt worden waren. Es gab Flüsse darauf, flache Hügel und sogar einen hohen Berg, in dessen Innerem sich in engem Radius die Trasse einer Kleinbahn hochschraubte, die zur Freude des Betrachters am Gipfel unvermittelt aus einem Tunnel zutage trat. Des weiteren gab es zahlreiche Strassen, drei Bahnhöfe, einen Schattenbahnhof und die Endstation auf besagtem Berg.

Die Anlage teilte sich in fünf Gebiete, nur meine Mutter besass keines, sie hielt sich von der Sache tunlichst fern. Die Aufteilung war in grauer Vorzeit erfolgt, also vor dem Einsetzen meiner Erinnerung, und niemand konnte so recht erklären, wie sie zustande gekommen war. Kaum leichter nachzuvollziehen war der Verlauf der Gebietsgrenzen, der einem fremden Betrachter willkürlich, ja geradezu absurd erscheinen musste (man denke etwa an das Abstellgleis, das mir nur zu einem Drittel gehörte, wobei die Zufahrt auf dem Gebiet des Zweitjüngsten lag). Doch standen diese Grenzen nicht zur Diskussion, schon gar nicht zu einer, die vom Jüngsten angezettelt worden war, der mithin auch noch das kleinste und peripherste Gebiet besass. Wenn überhaupt, verstand ich sehr bald, wurden Grenzverläufe von den Mächtigsten angezweifelt, und selten zugunsten der Schwächeren.

Kriegführende Parteien waren im wesentlichen meine beiden Brüder und ich. Unsere Schwester, die ein durchaus ansehnliches Stück Land besass, auf das ich schon länger ein Auge geworfen hatte, hatte bald ihr Interesse verloren. Auch stellte sie keine Armee auf, steckte ihr Taschengeld lieber in andere Dinge. Lediglich von einem schrundigen Weltkriegspanzer geht das Gerücht, den ihr mein ältester Bruder einmal aus Mitleid geschenkt haben soll, aber dieser Überlieferungsstrang ist, ich gebe es zu, umstritten und wird bis heute bei Familienzusammenkünften als missliebige Propaganda abgetan. Hinter vorgehaltener Hand jedoch wird dieser Sache durchaus Bedeutung zugemessen; man hat den Ältesten einer Kriegslist wegen im Verdacht, dank der er früh schon einen Fuss ins Land der Schwester gesetzt hatte. Wenig erstaunlich, dass er sich später zur Schutzmacht dieses neutralen Territoriums erklärte, seine Panzer, Kampfflugzeuge und sogar sein Öltanklager auf diesem Gebiet verteilte und an seiner Grenze eine unmissverständliche olivgrüne Drohkulisse aufbaute, damit fremde Mächte nicht plötzlich auf den Gedanken verfielen, es in einem Handstreich zu nehmen.

Zu einem solchen Angriff wäre im Grunde einzig der Zweitjüngste in der Lage gewesen, der es aber für ratsam hielt, seine gesamten Truppen an der Grenze zu meinem Gebiet zu massieren, und dabei zweifelsohne richtig lag: Mit meinen Leopard-2-Kampfpanzern, dem Schützenpanzer Marder, dem Mehrfach-Raketenwerfer LARS 2 und dem Minenverlegepanzer Skorpion besass ich eine für die frühen Neunzigerjahre hochmoderne Armee. Und diese Sorgen meines Bruders, es könnte von meiner Seite zu einer Invasion (ich nannte es immer: Präventivschlag) in sein Territorium kommen, vergrösserten sich an Weihnachten 1995 noch, als ich sechs Tiefladewagen erhielt, die gemeinhin als «rollende Landstrasse» bezeichnet werden und im zivilen Bereich dazu dienen, Laster auf Schienen zu transportieren. Selbstredend konnte man diese Wagen aber auch zum Verladen von Kriegsgerät benutzen.

Mein Vater beteiligte sich nicht an der allgemeinen Aufrüstung, was möglicherweise an der für meine damaligen Begriffe doch etwas surrealen Beschaffenheit seines riesigen Gebietes lag, das sich ganz im Süden der Anlage erstreckte. Es bestand lediglich aus den bereits nutzbaren Eisenbahntrassen sowie grossen Holzrahmen, die – stark abstrahiert – das Profil der späteren Geländemodellierung erkennen liessen. Da und dort fand sich bereits ein Stück Drahtgeflecht angetackert, doch erst nach und nach wurde der Gips aufgetragen, auf dem zuletzt die braune Grundierung und schliesslich das Modellgras, die Modellbäume oder -felsen zu liegen kamen. Kurzum, das, was die Eingeweide, was das Skelett einer jeden Modellbahnanlage ausmacht, lag im Gebiet meines Vaters für lange Zeit sichtbar dar, hing sozusagen im leeren Raum. Und nun erklärt sich auch, weshalb dieser sonderbare Flecken Land zur militärischen Besetzung nicht geeignet war: Es gab schlicht und einfach keinen Boden, der Kriegsgerät hätte tragen können, und selbst als nach längerer Zeit endlich der Gips aufgetragen war, wirkte dieses durch und durch weisse Territorium noch immer unwirtlich wie die Polkappen.

Trotzdem begann ich irgendwann damit, beim Spielen immer mal wieder meine Raketen- und Minenwerfer wie zufällig auf dem Gebiet meines Vaters zu vergessen; von einer Hügelkuppe gut gedeckt, lagen sie dann in Schussweite der Öltanklager meines ältesten Bruders. Zunächst wurde meine militärische Präsenz – wohl aus Furcht vor einem Zweifrontenkrieg – dort nicht geduldet. Erst nach und nach, als sich seine Bündnispolitik geändert hatte, liess er mich gewähren. Es war die Zeit, als wir planten, gemeinsam ins Gebiet des Zweitjüngsten einzufallen, um es brüderlich unter uns aufzuteilen.

«In jenen Stunden fühlte ich mich gottgleich, wenn ich am elektrischen Stellpult stand und sich all diese Maschinen, Fahrzeuge und Gebäude auf meinen Befehl bewegten.»

Nun gab es allerdings ein Problem. Diese Kriege waren ihrem Wesen nach kalte Kriege, Sitzkriege, allenfalls imaginäre Kriege. Die Militärfahrzeuge und Helikopter nämlich waren, anders als ihre Vorbilder, denen sie ansonsten detailgetreu nachempfunden waren, zu einer Schussabgabe nicht fähig. Krieg musste sich also auf Demonstrationen der Macht, den Aufbau und das Aufrechterhalten von Drohkulissen beschränken, konnte allenfalls in Form abstrakter Rechenoperationen, sozusagen als Planspiel, geführt werden. Kampfhandlungen indes waren in den Bereich der Phantasie verbannt. In dieser imaginären Welt jedoch galten strenge Regeln, die im wesentlichen jenen der Realität gleichkamen; sie bildeten gewissermassen die Grenzen, innerhalb derer es der Vorstellungskraft erlaubt war, sich zu bewegen. Ohne dass mir das damals bewusst gewesen wäre, stellte dies meinen ersten Berührungspunkt mit selbstgeleiteter, also eigens produzierter Erzählfiktion dar.

Bald kehrte Ruhe ein auf der Anlage. Schon ein wenig früher war mir der Teil meines Vaters offiziell zugeschlagen worden. Ich hatte mein Glück kaum fassen können. Die hartnäckigen Besetzungsversuche hatten sich endlich ausgezahlt. Dass dafür wohl in erster Linie das schwindende Interesse meiner Brüder an der Modelleisenbahn ursächlich war, wollte mir zunächst noch nicht einleuchten. Doch bald schon hatten sie die Grenzzäune niedergelegt, ihre Truppen abgezogen und das Kriegsgerät verkauft, und mit einem Mal herrschte Frieden in diesem verlassenen Land, in dem meine hochgerüstete Armee keinen Gegner mehr fand. Zwar hielt ich sie zur Sicherheit in verschiedenen Bunkern einsatzbereit, doch ging sie dort nach und nach vergessen. Mein Interesse wandte sich nun dem eigentlichen Zweck der Anlage zu, dem Bahnfahren.

Ich besass ein grosses Repertoire an Güter- und Personenzügen, die eine Vielzahl an Streckenvarianten befahren konnten: die grosse Runde, die kleine Runde, die kleine Acht, die grosse Acht, die grosse Acht mit Zusatzschlaufe durch den Schattenbahnhof, die Bergstrecke mit eindrücklichen Tunnel- und Galerieabschnitten. Es gab Passagierbahnhöfe mit überdachten und beleuchteten Bahnsteigen, Rangierbahnhöfe mit Lichtsignalen, Vorrichtungen zur automatischen Wagenentkopplung, Abstell- und Wartungsgleise, Drehscheiben und Prellböcke. In jenen Stunden fühlte ich mich gottgleich, wenn ich am elektrischen Stellpult stand und sich all diese Maschinen, Fahrzeuge und Gebäude auf meinen Befehl bewegten.

Ich kannte die meisten Zugverbindungen der Schweiz auswendig. Mein Vater hatte sich eine grosse Sammlung älterer und neuerer Kursbücher zugelegt, die ich mit grosser Akribie studierte. Und dann fanden sich früher auch noch diese Zuglaufschilder an den Wagen, die mir mit ihren fremd klingenden Namen stets eine Verheissung gewesen waren; beim Ein- und Aussteigen betrachtete ich sie aufmerksam, prägte mir die Ortschaften ein und merkte mir ihre Reihenfolge. Die Schweiz und das Europa meiner Kindheit waren vor allen Dingen eine Abfolge wichtiger Bahnhöfe und Verkehrsknotenpunkte.

Wie beim Kriegsspiel der jüngeren Jahre war ich auch beim Modellbahnfahren auf eine möglichst grosse Nähe zur Realität bedacht, weshalb sich ein wahl- und planloses Fahrenlassen des Rollmaterials verbot. Wenn die Bundesbahnen beispielsweise eine Zugverbindung von Romanshorn nach Genf Flughafen anboten, dann befuhr eben auch auf meiner Anlage ein identisch zusammengestellter Zug die gleiche Strecke mit den gleichen Haltestellen. Da die Anlage aber nur über drei Bahnhöfe verfügte, mussten diese nacheinander die Rolle zahlreicher Stationen übernehmen, wobei ich darauf achtete, dass Städte wie Zürich, Bern oder Genf vom grössten, Dörfer wie Würenlingen oder Zurzach dagegen vom kleinsten der drei Bahnhöfe repräsentiert wurden. Zwar missfiel mir, dass auf meiner Anlage der Halt in Zürich, Luzern oder Basel faktisch an ein- und demselben Bahnhof geschah, aber anders liess es sich nicht machen – die Aufgabe, diesen Kompromiss zwischen Realität und Modell zu kompensieren, kam nun meiner Vorstellungskraft zu.

Bei aller Detailversessenheit und Realitätstreue – selten verspürte ich Lust, den gesamten Nachmittag, den ein Zug damals benötigte, um die Strecke vom Boden- bis zum Genfersee zurückzulegen, am Schaltpult zu stehen. Eine Modellbahnfahrt nämlich teilte sich in die eher langweilige Phase des eigentlichen Fahrens und die Phase des Aufenthalts im Bahnhof auf. Hier mussten Weichen richtig gestellt, Signale gegeben, Schranken hochgefahren und hinuntergelassen, Wagen angehängt oder abgekoppelt und Durchsagen für die imaginären Reisenden getätigt werden; manchmal kam es dabei – zuweilen bewusst von mir eingefädelt, zuweilen unabsichtlich – zu Unfällen, Entgleisungen oder Zusammenstössen. Und hierin lag die eigentliche Faszination für den Gott am Stellpult, also mich, ja ich würde sogar sagen, dass es erst diese Tätigkeiten waren, die dieses Gefühl der Allmacht in mir aufkommen liessen.

«Genau aus diesem Grund sind die allermeisten der autobiographisch gefärbten Romane unserer Zeit, die erstaunlich oft auf die mehr oder minder getreue Wiedergabe von tatsächlich Geschehenem bedacht sind, so himmelschreiend langweilig und uninteressant.»

Was wäre nun naheliegender gewesen, als die Zeit des Fahrens auf offener Strecke – das Monotone und Gleichförmige also – zu raffen oder gar auszulassen, damit das Aussergewöhnliche, das Einzigartige, das Konflikt- und Ereignisanfällige hervorträte? Und hier nun verstand ich erstmals die Bedeutung von Verdichtung, entwickelte ein Gespür für dieses Prinzip, das ich erst viel später im Roman, im Film und im Theater wiedererkannte. Auch dort nämlich wird gerafft, geschnitten, zugespitzt, da das reale Leben unendlich viel eintöniger, langweiliger und vor allen Dingen mäandrierender ausfällt als in der Fiktion, die gewissermassen nur die Filetstücke menschlichen Daseins – ob wirklich geschehen oder frei erfunden, ist unerheblich – herausgreift, sie aneinanderhängt, scharf gegeneinanderschneidet und kontrastreich gegenüberstellt, kontrastreicher, als es in der Wirklichkeit und unserem Wahrnehmen derselben jemals möglich wäre. Genau aus diesem Grund sind die allermeisten der autobiographisch gefärbten Romane unserer Zeit, die erstaunlich oft auf die mehr oder minder getreue Wiedergabe von tatsächlich Geschehenem bedacht sind, so himmelschreiend langweilig und uninteressant.

Gebaut hat die Modellbahnanlage mein Vater. In akribischer Kleinstarbeit hat er Tausende verschiedenfarbiger Kabel unterirdisch verlegt, hat Signale, Schranken und Weichen angeschlossen, Mechanismen eingebaut, um die Stromzufuhr der Gleise an ausgewählten Stellen zu unterbrechen. Voraus ging diesen Arbeitsschritten eine detailgetreue Planung des Streckenverlaufs, wovon sorgfältig gezeichnete Pläne zeugten, die über der Anlage an der Wand hingen. Weil damals im Modellbau – anders als im realen Gleisbau – nur vom Hersteller standardmässig gefertigte Gleisstücke mit festgelegten Massen, Kurvenradien und Steigungswinkel zu kaufen waren, bedurfte es auch zwingend einer solchen Planung. Ein munteres Drauflosbauen hätte unweigerlich ins Chaos geführt.

Diese Starrheit des Systems beeinflusste massgeblich Form, Struktur und Verlauf der Eisenbahntrassen, die ganz zu Beginn geplant werden mussten. Daran orientierte sich die Landschaft, die Lage und Form der Hügel, der Verlauf von Flüssen, die Position und die Grösse von Häusern und Städten.

Einmal vollendet, sollte die Modellbahn ihrem Vorbild in der Realität (oder dem ausgedachten Vorbild einer imaginären Realität) zwar möglichst gleichen. Interessant dabei ist aber, dass die Reihenfolge der Entstehung einer Modellbahnanlage sich genau gegenteilig zur Entstehung ihres Vorbilds, einer «echten» Bahnlandschaft also, verhält und dass auch die Frage, welcher Faktor bei dieser Entstehung nun den anderen beeinflusse, in Realität und Fiktion mit jeweils umgekehrten Vorzeichen zu beantworten ist. So gab etwa beim Bau der echten Gotthardbahn die zerklüftete Landschaft den Verlauf der Strecke vor, bei ihrer Nachbildung im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern dagegen wurde die Gestaltung der Landschaft dem Streckenverlauf untergeordnet (bezeichnenderweise wurden auch hier – ganz im Sinne einer erzählerischen Verdichtung – nur die spektakulärsten Szenen nachgebildet und derart dicht aneinandergereiht, dass nun ein Naturspektakel das nächste jagt). Und doch scheint es den Kinderaugen, die die vollendete Anlage betrachten, als hätte man auch hier seit Urzeiten sich erhebende Berge mit Tunneln durchbohrt und zwischen ihren Tälern Brücken gespannt, genau so, wie die literarische Fiktion zuweilen die Macht besitzt, uns vorzugaukeln, dass das, was beim Lesen vor unser inneres Auge projiziert wird, gerade in diesem Moment geschehe (dabei ist der Akt des Erzählens schon für sich genommen nur als ein im Nachhinein ausgeführter denkbar). Ferner will es uns oft dünken, die Figur, der wir folgen, sei in ihren Entscheidungen frei und den Vorkommnissen, die sie wie zufällig ereilen, hilflos und geradezu willkürlich ausgesetzt; auch möchte man glauben, die Handlung könne noch jede erdenkliche Wendung nehmen, obgleich wir insgeheim wissen – es aber im Akt des Lesens gerne verdrängen –, dass alles ein abgekartetes Spiel ist, dass gleich einem Gott die Autoreninstanz sämtliche Fäden vorher verlegt und auf ein vorbestimmtes Ende hin ausgerichtet hat (dabei ist auch das «offene Ende» letztlich beabsichtigt und abgekartet, da vom Autor gewollt; es handelt sich dabei lediglich um einen weiteren Trick, um den Leser zu täuschen, eine Finte, um ihm vorzumachen, in der Fiktion gebe es der Realität entsprechende unabsehbare Ereignisfolgen und freie Entscheidungen).

Nun bin ich beinah zum Ende gelangt. Sie haben es bis hierher geschafft und sich beizeiten gelangweilt, werter Leser? Haben sich gefragt, wozu all diese technischen Details, diese Namen von Fahrzeugtypen? Und wofür diese überdeutliche Ausformulierung aller Gedanken, dieses ermüdende Breiterklären jedes Schrittes?

Es würde mich erstaunen, wenn dem nicht so wäre. Denn dieser Text wurde eben nicht gekürzt, nicht verdichtet und schon gar nicht im voraus entworfen und geplant. Er wurde nicht darauf abgerichtet, auf möglichst kleinem Raum die grösste Wirkung zu erzielen, und zu guter Letzt ist er auch noch autobiographisch, gespickt zwar mit ein paar weiterführenden Überlegungen, aber dramaturgisch eben nicht angereichert und zugespitzt. Nun, aus diesem Negativbeispiel lässt sich vielleicht am besten ersehen, welche Wirkmacht die Instrumente literarischer Fiktion zu entfalten imstande sind, wenn sie richtig angewandt werden, und auch, was dem Leser droht, wenn wir sie verachten.


Zu Lienhards ausgezeichnetem Roman «Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat» (FVA, 2019):

Demian Lienhard in dieser Galerie zu sehen, freut uns ganz besonders – hat er doch einige Schritte auf seinem schriftstellerischen Weg auch beim «Literarischen Monat» zurückgelegt: Aus dem Text, mit dem er 2016 Finalist unseres Nachwuchswettbewerbs TREIBHAUS wurde (aber nicht gewann!), entstand das erste Kapitel seines nun preisgekrönten Roman­erstlings. Dieser Weg zur Schriftstellerei über Zeitschriftenbeiträge und Wettbewerbe – beim Berliner «Open Mike» schaffte es Lienhard gleich zweimal ins Finale – ist noch das Gewöhnlichste am Werdegang des 1987 in Baden geborenen Autors: Lienhard ist auch Klassischer Archäologe, und als solcher hat man offensichtlich auf der ganzen Welt noch einiges zu erforschen. Seine Texte und E-Mails erreichten uns mal aus Innsbruck, mal aus London und auch mal zu nachschlafenen Zeiten aus Thailand oder Singapur.

In «Ich bin die, …» hat sich Lienhard mit der etwas jüngeren Geschichte beschäftigt, nämlich mit den Zürcher Jugendunruhen um 1980 und den offenen Drogenszenen am Platzspitz und Letten. Herausgekommen ist eine temporeiche, im besten Sinne unterhaltsame Erzählung – natürlich, typisch Lienhard, nicht ohne ein paar lange Sätze mit vielen Kommas und selten verwendeten Begriffen, die kurz irritieren, dann einfach nur Freude bereiten. Vielleicht nur so hält man diese tieftraurige Geschichte über fast 400 Seiten aus. Herzlichen Glückwunsch, Demian! (sb)

Ein Zitat aus dem Werk:

«Wenn du immer erste Klasse fährst und dann plötzlich zweite, zählt der Umstand, dass du gleich schnell ans Ziel kommst, wenig. Dass deine Handflächen den Plüsch vermissen an den Armlehnen und deine Beine die Freiheit, das ist es, was schmerzt.»

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»