Action in Antik

Kurze Sätze über Grate

Wer denkt, in den Alpen sei früher nicht so ein Zirkus gewesen, dem komme man mit der Antike, mit Elefanten, Menschenopfern und Weinanbau. Ein Rummel war da oben, da kracht einem das beschauliche Älpleridyll ins Käsekessi! Das ging schon in der Bronzezeit los, als nicht etwa Abgeschiedenheit und Ruhe in den Bergen herrschten, sondern oligarchisch organisierte Stämme, die Kupfer und Erz schürften, ein Handelsnetz aufbauten und die Alpen zum Bergbauzentrum Europas machten. Der Rohstoffhandel sorgte für einen immensen Bevölkerungsschub und soziale Hierarchien mit, sagen wir mal, sehr unterschiedlichen Eigentumsverhältnissen. Die Berge, die den Vorvätern allein als Sitz der Götter getaugt hatten, waren nun frühzeitliche Industriezone. Ötzi wurde in sie hineingeboren und auch seine Geschichte wird von Historiker Ralf-Peter Märtin nicht romantisierend, sondern kenntnisreich erzählt. Archäologische Detektivarbeit braucht keinen angedichteten Kriminalfall, um hochspannend zu sein. Genauso wenig wie Hannibals Alpenüberquerung eine Mystifizierung braucht, selbst dieser Klassiker ist in seiner historischen Wahrheit weit interessanter: Zwar bleibt bis heute unklar, wo der Feldherr seine Armee über die Berge führte, doch tat er es mit akribischer Planung, hochprofessionalisierten Truppen und geeigneten, da kleineren afrikanischen Waldelefanten. Von denen schlidderte keiner ins Verderben. Zum Verhängnis wurde den Kampfkolossen erst das nieselkalte Wetter der Po-Ebene. Hannibal war auch nicht der erste Feldherr, der das (eben überhaupt nicht) Unmögliche schaffte. Schon die Kelten waren über die Alpen in römisches Gebiet eingefallen, und als nach ihm noch die Kimbern und Teutonen folgten – letztere sollen jubelnd und mit nacktem Oberkörper auf ihren Schildern die Schneehänge hinabgeschossen sein –, verlor Rom endgültig die Geduld mit dem «natürlichen Schutzwall» und machte sich an die gründliche Unterwerfung der Alpenstämme. Die Gebirge wurden systematisch romanisiert, die Pässe mit ordentlichen Strassen überzogen, Städte gegründet und die Geldwirtschaft eingeführt. Von dieser Zeit allgemeinen Profitierens klingen uns heute noch die rätoromanische, die ladinische und die furlanische Sprache. Nach zwei Jahrhunderten brach dann die Völkerwanderung den Alpendamm. Die Markomannen, Alamannen und Hunnen strömten über die perfekt ausgebauten Strassensysteme, für die sich die Römer nun verfluchten. Das Getöse, es nahm kein Ende. In «Die Alpen in der Antike» herrscht ein bunteres Treiben als auf jeder Skipiste. Dies geschieht umso eindrücklicher, als mit Märtin ein Historiker erzählt, der weiss, wie man aus einem schier überwältigenden Stoff einen packenden Bestseller macht. Er reisst den Bergnebel der Geschichte auf und bringt Verblüffendes zum Vorschein. Vieles kommt einem auch bekannt vor: der disruptive Klimawandel zum Beispiel (durch Rückzug der Gletscher wurden aus Jägern sesshafte Bauern, die Überholten zogen sich in die Wälder zurück, erinnert nur noch in den Sagen vom «Wilden Mann») oder die fachgerechte Vorbereitung eines Krieges (Diffamierung der Gegenseite, Einbezug der Götter, Etablierung eines gerechten, also nötigen Kampfes) oder der machtpolitische Einsatz von Religion (Bergklöster, eigentlich Heimstätten von Eremiten, wurden so gesetzt, dass sie als Kontrollzentren für die Handelswege fungierten). Eine Lektüre, die lange begleitet. Gut möglich, dass einem auf Skitour ein paar wutheulende Hunnen im Schneetreiben erscheinen. Sicher aber bleibt die wiederholte Erkenntnis: Wer die Vergangenheit verklären will, der darf nicht zurückblicken.


 

Buch: Ralf-Peter Märtin: Die Alpen in der Antike. Frankfurt: S. Fischer, 2017.


Markus Rottmann ist freischaffender Texter in Zürich. Von ihm zuletzt erschienen: «Amores Mortis – Die Liebschaften des Todes» (mit der Gestalterin Franziska Burkhardt; lectorbooks, 2017), «Black Island» (mit dem Illustrator Thomas Ott; Hammer-Verlag, 2013) und «Calanca – Verlassene Orte in einem Alpental» (mit dem Photographen Oliver Gemperle; Benteli, 2010). In dieser Kolumne beschäftigt sich der Hobbyalpinist jeweils mit Büchern von und mit Bergen.