Piano, piano
Daniela Dill, zvg.

Piano, piano

Ein Zustand in Dur.

 

Den Job und die Wohnung gekündigt, der Familie und dem Partner den Rücken gekehrt, stehe ich am ersten Tag dieses neuen Jahres mit einer Kiste voller Bücher und Klamotten in der Empfangshalle der Cité Internationale des Arts in Paris. Sehr darauf bedacht, mich in die Haltung einer werdenden Autorin einzufinden, warte ich, bis man mich in mein Atelier führt, wo ich für die nächsten drei Monate mein Quartier aufschlagen werde.

Als mich der Concierge mit einer Willkommensgeste zum Eintreten auffordert, gerate ich in einen musikalischen Wolkenbruch. Eine Kakophonie aus allen Instrumenten, von denen ich je gehört habe (und noch ein paar mehr), schallt durch den Raum. Es sei ein altes Gebäude, erwähnt der Concierge, 60er Jahre. In der Euphorie des Neuen winke ich seinen Kommentar lässig durch, Musik sei ja kein Baulärm, und werfe dem Mann unverhältnismässig viel Trinkgeld hinterher. Ein verklärter Zustand, wie ich bald feststelle.

Am zweiten Tag meines Paris-Aufenthalts ist alles eingerichtet und zum Schreiben bereit. Ich giesse feierlich eine Tasse Kaffee ein, setze mich an den Schreibtisch – und stelle fest, dass der Zimmernachbar zu meiner Linken um Punkt neun Uhr mit einer Tonleiterübung beginnt. «Diese Pünktlichkeit verheisst nichts Gutes», denke ich und ziehe in Betracht, dass es sich um ein Ritual handelt. Und wenn auch: «Jedem Tierchen sein Pläsierchen», spreche ich laut aus und starte den Laptop auf. Ich bin entzückt ob der vielen, fleissigen Klänge um mich herum, ein wahrer Musentempel und ich mittendrin ein Teil davon, wie schön! Wie schön! Ich schreibe keinen Satz.

Auch am dritten Tag beginnt um Punkt neun Uhr die Tonleiterübung, ein Rauf und Runter während exakt 45 Minuten. «Wo genau liegt die Grenze zwischen diszipliniert und zwanghaft?», frage ich mich, als auch Le oder La Pianiste über mir ab halb zehn den Tag einspielt. Ich beschliesse, meine Arbeit zu unterbrechen und durch die Stadt zu streifen. «Ich befinde mich ja nicht in Hinterkonolfingen!», sage ich mir, «sondern in Paris, Pa-ris! Hier gibt es einiges zu entdecken!», sage ich mir, «hier kann man sich die Tage um die Nächte schlagen!»

Am zehnten Tag verfluche ich die musischen Umtriebigkeiten in diesem Künstlerhaus in allen Tonlagen. Ich schleiche im Flur den verschlossenen Türen entlang und versuche die Quellen des Elends ausfindig zu machen. Wenn mir jemand begegnet, lächle ich und gebe einen Spaziergang zwecks Beinevertretens vor. Ob ich klopfen und mich beschweren soll? «Aber nein, es ist Kunst!», versichere ich mir, «die darf man nicht bekämpfen, gegen Kunst anzukämpfen ist ein Verbrechen, ein Vandalenakt, eine Barbarei! Ça ne va pas!» Ich schwanke zwischen Nachsicht und Ungeduld. Meine Anfangseuphorie hat sich gänzlich gelegt und die aus Übermut begangenen nachmittäglichen Kinobesuche gestalten sich zu Fluchtmassnahmen. Nach weniger als zwei Wochen habe ich die gesamte Retrospektive von Ingmar Bergmans Filmen gesehen.

«Wenn sie wenigstens Variationen spielen würden!», denke ich, wieder an meinem Schreibtisch sitzend. Die Unerträglichkeit entwächst der Repetition. Ich befinde mich in der Hölle der Wiederholung, bis auf die Spitze getriebener Stumpfsinn im Loop! Das ist kein Atelier, das ist…

«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»