Die höchste Form von Männlichkeit

Die höchste Form
von Männlichkeit

Urs Zürcher: Überwintern.

 

Es riecht nach Testosteron, das neue Buch von Urs Zürcher. Nach Achselschweiss, Zigarettenrauch und Sperma. Das ist auch kein Wunder, denn die beiden Protagonisten pumpen, rauchen und spritzen ab, was das Zeug hält.

Jonas und Benjamin haben wenig gemeinsam: Ihr Elternhaus ist sehr verschieden, ihr Umfeld ebenso; Benjamin wächst zu einem Jurastudenten heran, Jonas zu einem dichtenden Aussenseiter, der nirgends Fuss fasst. Einzig, dass sie beide am selben Tag, dem 19.8.88, geboren sind, verbindet sie: «…sie fragten sich, ob dieser Zufall etwas zu bedeuten hatte. Ein gemeinsames Schicksal, eine in irgendwelchen Zahlen verwurzelte Verbundenheit? Oder gar eine charakterliche Übereinstimmung? Immerhin, dachte Jonas, waren sie durch den Zeitpunkt ihrer Geburt eine Art Zwillinge.»

Diese «Zwillingsromantik» macht sich aber über weite Teile des Buches gar nicht bemerkbar: Getrennt sind ihre Leben, bis sich ihre Wege bei einer Schulprügelei kreuzen, erst später tauschen sie sich sporadisch aus, freunden sich doch noch irgendwie an und ziehen am Ende gemeinsam in den Krieg.

Was ein überraschender Schluss sein könnte, nimmt Zürcher aber schon im ersten Kapitel vorweg. Eine Rahmengeschichte erzählt von Jonas’ Rückkehr aus dem ukrainischen Kriegsgeschehen: In einem stinkenden Yakmantel, mit struppigem Bart und einer amputierten Hand – als richtiger Urmann eben – kehrt der 30jährige Jonas am Badischen Bahnhof von Basel in die Zivilisation zurück. Nicht nur seine Hand fehlt, auch Benjamin hat er in der Ukraine zurückgelassen, begraben im eisigen Boden.

Meist wäre die Enthüllung des Todes einer Hauptfigur in einer Rezension wohl der grösstmögliche Spoiler für potentiell Leseinteressierte. Nicht so bei Zürcher: Er zieht die Geschichte von der anderen Seite her auf. Das Rätsel liegt nicht im Tod Benjamins, sondern in der Frage, die sich von Beginn an stellt und im Verlauf der Lektüre immer drängender wird: Wie um alles in der Welt kommen zwei leicht miefige, an der Sinnlosigkeit des Lebens nagende junge Männer aus der Schweiz in die Ukraine, in den Krieg?

Denn wir wissen ja: Irgendwie müssen Benjamin und Jonas dahingelangen. Ihr Ende ist sozusagen bei ihrer Geburt schon angelegt – die rund 400 Seiten dazwischen sind «nur» Ausschmückung und Begründung.

Aber wie sie ausgeschmückt sind! Wir erfahren von den familiären Konstellationen, von den Müttern, Vätern, Geschwistern, Grosseltern. Aber auch von ersten sexuellen Kontakten, ersten Lieben, Alkohol- und Drogenräuschen. Dazwischen eingestreut finden wir die Puzzleteile: erste geklaute Autos, tragische Tode von Familienmitgliedern, sexuelle Fetische, geschwängerte und zurückgelassene Freundinnen, körperliche Stählung, eine immer grösser werdende Wut, erste Anzeichen der Radikalisierung.

Ob nun das Ende im Krieg unvermeidbare Konklusion ist, sei dahingestellt. Doch lässt man dies beiseite, wird der Blick frei auf die epische Dimension von Zürchers Roman. Wirklich kunstvoll sind die Nebenstränge, hochkomplex gezeichnet die Nebenfiguren, bis ins letzte Detail sitzt hier, was zu sitzen hat.

Und schaut man hinter das übermässig testosterongetriebene Auftreten und Handeln der beiden Hauptfiguren, das bis hin zur Kriegsverherrlichung führt – «In Benjamins und Jonas’ Köpfen hatte sich der Keimling eines Begehrens, eines leidenschaftlichen Strebens nach der höchsten Form der Kunst eingenistet: In der Morgenröte des Ostens schimmerte schon die Poesie…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»