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Michael Bergmann: «Herr Klee und Herr Feld»

Michael Bergmann:
«Herr Klee und Herr Feld»

 

Zamira, jung, hübsch, geschieden, Violinistin und Palästinenserin. Alfred, 75, alt Schauspieler von B-Movie-Horrorstreifen, launisch, witzig, jüdisch, Sohn von Baby und David. Moritz, 78, emeritierter Professor für Psychologie, mit Spezialgebiet Massenpsychologie, frisch verwitwet, multipler Preisträger, praktizierend jüdisch, Sohn von Baby und Louis.

Diese drei teilen sich einen Haushalt im Frankfurter Westend. Die beiden Brüder haben – nach 50 Jahren voneinander unabhängiger Leben – gerade wieder zueinandergefunden. Der jüngere ist von Rom in die Stadt seiner Kindheit zurückgekehrt und hat als ersten Akt gleich die langjährige Haushälterin vertrieben – nicht offensiv, aber immerhin aktiv. Die Neue ist ganz anders. Sie steht den Herren trotz ihrer kurzen Lebensspanne kaum in Lebenserfahrung, -weisheit und -freude nach, kümmert sich um die bereits etwas gebrechlichen Brüder, nicht selten aber kommt es auch zum offenen Schlagabtausch über das Verhältnis zwischen Israel und Palästina, über die Geschichte zweier Völker und die aktuelle mediale Berichterstattung.

Während für Moritz Theodor W. Adorno Massgabe der Lebensführung ist – «es gibt kein richtiges Leben im falschen» –, bleibt Alfred bei seinen Leisten und in seinem Metier: «Sei nie mit jemandem befreundet, der nicht über Woody Allen lachen kann!» – nicht mal mit seinem Sohn, den er ob seines Desinteresses an jeglicher Kultur für den unjüdischsten Menschen überhaupt hält. Zamira obliegt die stichwortgebende Nebenrolle, die das «seltsame Paar» – sehr zum Wohle des Lesers – zur Preisgabe von Anekdoten, Lebensgeschichten, konkurrierenden Erinnerungen motiviert. Sie übernimmt dabei verschiedene Rollen: Mutter, Freundin und gar die Position der Tochter. Überhaupt verschwimmen die Grenzen zwischen Nationen, Konfessionen, Familien und Identitäten in Michel Bergmanns Roman über das Leben im, vom und mit dem Alter. Als die junge Palästinenserin die Kerzen zum Schabbes anzündet, sieht sie aus «wie eine jüdische Madonna».

Nicht falsche Nostalgie, nicht Generationenschmus, nicht Lektionen im guten Leben – «Herr Klee und Herr Feld» sind einfach Freunde, die erzählen und denen wir gerne zuhören.

Michel Bergmann: Herr Klee und Herr Feld. Zürich / Hamburg: Arche, 2013.

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