Von Fjorden und Fixern

Joachim B. Schmidt: In Küstennähe. Langnau: Landverlag, 2013.

Von Fjorden und Fixern

Sagenhaft und sonderbar ist Island. Besang vor 700 Jahren die Edda die Genealogien der Nordländer in Versen, gibt heute eine App Auskunft über Verwandtschaftsgrade. Als Frühwarnsystem gegen inzestuöse Verstrickungen eruiert sie gemeinsame Vorfahren zweier zumeist alkoholisierter Isländer, die bei ersten Annäherungen nur noch ihre Telephone aneinanderzuhalten brauchen, um über «go» oder «no go» zu befinden. Hätte es diesen Dienst vor 60 Jahren schon gegeben, gäbe es die Geschichte von Grímur und Drífa, die Joachim B. Schmidt «In Küstennähe» erzählt, trotzdem. In vollem Wissen um den gemeinsamen Vater verbringt der knorrige Aussenseiter Steingrímur im Erstlingsroman des Wahlisländers eine Nacht mit seiner Halbschwester, der einzigen Liebe seines Lebens. Gelebt, verkehrt sich die Liebe in stumme Verzweiflung und tödliche Tragik: Von einer gemeinsamen Bootsfahrt kehrt Drífa nicht zurück, und um Grímur beginnen sich Mordgerüchte zu ranken, die er schweigend schluckt. Was geschehen ist, weiss niemand. Im schaukelnden Meer ist die Klarheit ertrunken, pocht es in meinem schweren Kopf. Nie mehr saufen!

«Ein rechter Kater ist nur mit einem Konterbier zu überwinden», weiss der 23jährige Lárus, der 2007, als Island vor dem Kollaps steht, mit der abgründigen Geschichte der Halbgeschwister konfrontiert wird. Von komatösen Abstürzen rappelt sich der junge Ich-Erzähler immer wieder auf zu Pizza, Pornos und Computerspielen, ab und zu Besuchen bei seinen Eltern und regelmässig auch zu Tätigkeiten, die ihm grössere und kleinere Einkünfte bringen: Als Drogendealer beliefert Lárus die Bewohner der kargen Westfjorde mit Stoffen, die die Enge weiten, und um in der Enge nicht aufzufliegen, jobbt er, selber clean, als Hilfshausmeister im lokalen Altenheim, wo ihn ein defekter Heizkörper zum greisen Grímur führt. Von Sensationslust getrieben, setzt sich der Bursche zum Ziel, das Geheimnis des ominösen Alten zu knacken, wobei sich aus dieser Anlage vorerst nicht Grímurs Geschichte, sondern Lárus’ Psyche entwickelt: Der Kontakt mit dem wortkargen Kauz scheint dem jungen Isländer die Augen für seine eigene verkorkste Einsamkeit zu öffnen; zwischen den ungleichen Männern keimt eine komplizenhafte Freundschaft, die bald ihre beiden Leben verändert – Lárus entschliesst sich zum Aufbrechen, Grímur zum Abtauchen, seine Geschichte aber holt er zuvor endlich noch an die Oberfläche. 

Diese flicht Lárus fern von Fjorden und Fixern in seine eigene Erzählung ein, so dass sich in dem kleinen Entwicklungsroman ständig zwei sehr unterschiedliche Isländer berühren und wieder entfernen, um sich letztlich doch zu überschneiden im etwas anderen Portrait eines Landes, das von Geschichten und Gerüchten ebenso lebt wie von Räuschen und Wässern. Erzählen hat Tradition auf dieser Insel und insofern mag stimmig sein, dass Schmidt für sein Buch einen phasenweise stark mündlichen Ton wählt; seinen Figuren verleiht er dadurch so scharfe wie simple Konturen und die Erzählung gewinnt durch die Unmittelbarkeit einigen Schub. Fluss ist indes nicht gleich Genuss. Stilistische Hoch- resp. Fehlgriffe, die seltsam quer zu Lárus’ lasch-cooler Sprache stehen, stellen sich diesem letzteren manchenorts ebenso in den Weg wie die elementare Buchstruktur: Obschon mit Rückblickperspektive und Einschubmuster grundsätzlich reizvoll, bietet sie praktisch zahlreiche Ungereimtheiten, an denen hängenbliebe, wer auf der Höhe und dort auf der Suche nach Stil, Schärfe und Stringenz wäre. Sei es drum: Ich wollte für einmal nur den Kater überwinden. Und dabei hilft der Zug des Buches so gut wie jedes Konterbier.