Zora del Buono: «Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt»

Zora del Buono:
«Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt»

 

Draussen, da geht was. Da kann man frei reden, subversive Gedanken teilen, muss nicht beflissen, standesbewusst und strebsam sein. «Hinter den Büschen, an eine Hauswand gelehnt» findet in Zora del Buonos aktuellem Roman das freie Leben statt, ohne den Zwang distinguierter Bildungsbürger und streberischer Studenten. Auf Waldwegen und unter Brücken rund um den beschaulichen College-Campus des fiktiven Ostküstenstädtchens Miltontown blühen Widerstand, Subversion und ein ganz kleines bisschen auch die freie Liebe.

Aber fangen wir drinnen an. Es ist ein Roman, der über weite Strecken auf alten Schienen rollt, nennen wir ihn Christies «Orientexpress». E.M. Foster und Graham Greene sitzen auch im Abteil, sie trinken gepflegt, unterhalten sich unaufgeregt über Liebe, die alle Altersgrenzen sprengt («Cougar Hunting»), oder die politischen Zwänge, in denen man versucht, den Kopf über Wasser zu halten und nur ein wenig dazwischenzufunken. Del Buono beherrscht den schmallippigen Reportagestil des blanken Realismus und des Understatements mit dem allzeit ironisch hochgezogenen Mundwinkel. Das Leben drinnen im College mit liberalem Gehabe und stockkonservativer Verklemmtheit skizziert und karikiert sie mit Schwung und Eleganz.

Draussen, wenn alte Scheunen brennen und das Präsens der Erzählung gehetzter wird, wird die Hand der 1962 geborenen Zürcherin unsicher. Das Politische wirkt drübergestülpt, das Amouröse zweitrangig und blutleer. Die Dozentin Anfang fünfzig und ihr zwanzigjähriger Romeo könnten nicht nur fachsimpeln, sondern fanatisch werden, feiern, fiebern, fluchen, f… – aber hier draussen zerschellt die Handlung am gar nicht so aktuellen Aktualitätsbezug. Ausgerechnet del Buono hat weder Vertrauen in ihr Personal noch in die Tragfähigkeit eines tabubrechenden Tête-à-tête. Stattdessen setzt sie auf den Popanz der weitgehend vergessenen Schnüffelei des US-Geheimdienstes NSA in deutschen E-Mail-Accounts und Handys anno 2013. Grosse Aufregung unter deutschen Politikern war die Folge, damit hatte es sich dann aber auch schon: die heillose Aufregung des Romanpersonals bis hin zur Radikalisierung, Ausweisung, Kassiber-Romantik wirkt aufgeplustert, wohlfeilhanebüchen und hysterisch, aber kein auch noch so klitzekleines bisschen bedrohlich. Die Mücke will zum Elefanten werden und scheitert kläglich. Und das mit der wilden Liebe… – selbst von der NSA abgehört werden wäre erregender.

Zora del Buono: Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt. Roman. München: C.H. Beck, 2016.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
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