Arbeitslose Aschenbecher

Jürg Beeler: Der Mann, der Balzacs Romane schrieb. Zürich: Dörlemann, 2014.

Arbeitslose Aschenbecher

«Doch beginnen wir von vorne. Beginnen wir mit der Tragödie. Beginnen wir mit dem Tag, an dem Millionen von Aschenbechern arbeitslos wurden.» Dieses – einleitende – Drama besonderer Art, das im Unglücksinventar von so manch anderem in einem Streichholzschächtelchen Platz fände, gerät für Jan Panowski, Jürg Beelers neuen Romanhelden, zum Störfall erster Güte. Der allmähliche – oder muss man sagen: beinahe plötzliche – Anblick aller Wirtshaustische dieser Welt ohne ihr lebensspendendes Zentrum, den Aschenbecher, und die Verbannung der Raucher aus dem «verlorenen Paradies» ins kalte Draussen – wie hätte er Panowski nicht die Hölle heissmachen sollen? Umso mehr als ihn, von Natur aus eher schwermütig, rabenschwarze Gedanken bedrängen, während er gebrandmarkt und frierend auf dem Trottoir steht: Wie, wenn das Verschwinden der Aschenbecher zum Anfang einer Schritt für Schritt entleerten Welt geriete? Wie, wenn in der Folge die Weingläser verloren gingen, die Bücher, die Bäume…?

So einiges ist Jan Panowski in seinem bisherigen Leben abhanden gekommen, Bücher gehören dazu, aber auch eine Stadt ist dabei – und eine Liebe. Stadt und Liebe hat sich sein Zwillingsbruder, der berühmte Schriftsteller David Panowski, zu eigen gemacht. Er war vor einiger Zeit nach Paris, Jans Wahlheimat, gekommen, hatte mit seiner Präsenz und seinem Charme die Stadt erobert – und Jans Freundin, die Tänzerin Raymonde. Schon immer hatte David Jan auf Platz zwei verwiesen. Er war als erster auf die Welt gekommen, keiner hatte mit einer Zwillingsgeburt gerechnet, und als nach einer Weile noch Jan «das Licht dieser Hölle» erblickte, war die Hebamme schon weg. «Die Welt hatte also nicht auf mich gewartet.»

Und ihr, der Welt, hatte er auch nie erklären können, weshalb er nachts um elf noch an seinem Arbeitsplatz im Manessesaal der Stadtbibliothek gesessen hatte. Damals, vor fünf Jahren, als das Feuer ausbrach und das Haus fast bis auf die Grundmauern niedergebrannt war, hatte er von allem nichts bemerkt. Während hinter seinem Rücken Hölderlin, Homer und Hildegard von Bingen «um ihr Leben schrien», hörte er sie erst, als es zu spät war, erst, als die Flammen das literarische Abendland vernichtet hatten. Lediglich Balzac blieb ihm erhalten – als Stimme in seinem Kopf und als Porträt an der Wand, als Gesprächspartner und Tröster in so mancher Not. Aber: «Monsieur taucht erst auf, wenn ich eine Flasche öffne…»

«Endlich Ruhe, endlich Stille!» – Jan Panowskis Trauer hält sich in Grenzen, als er vom Tod seines Bruders unterrichtet wird. Doch der Friede erweist sich als Schall und Rauch, wird Jan doch sogleich Opfer von Verwechslung und, einmal mehr, Freiwild eigener Gedanken. Und schon erwartet er beklommen die bedrohlichsten Ereignisse, die, so hegt er Furcht, sich nur in der Stille ankündigten.

Läse man Jürg Beelers wunderbaren neuen Roman stehend, so stünde man auf Zehenspitzen. Nicht nur um Jan Panowskis Ruhe nicht zu stören, sondern auch deshalb, weil Beelers leise, feine, mit Ironie verzierten Sätze Achtsamkeit erfordern – und verdienen. Und ihr tiefgründiger Humor immer wieder ein Lächeln auf höchstem Niveau.