Ist Vergangenheit vergangen?

Die Ansicht der Rigi, von Vitznau aus, zeigt den wirklichen Berg – und ist nicht weniger wahr als die Ansicht der Rigi von Küssnacht aus. Eveline Hasler, eine der erfolgreichsten Schweizer Autorinnen historischer Romane, erklärt, dass es sich ähnlich auch mit der Geschichte verhält.

Ist Vergangenheit vergangen?
Eveline Hasler, photographiert von Yvonne Böhler.

Vergangene Ereignisse und Entwicklungen sind, so glauben wir heute, zuerst Objekte der Geschichtswissenschaft. Doch: Geschichtsbücher machen nicht selten den Eindruck einer Leichenfeier: Die historischen Ereignisse werden pietätvoll eingesargt, Fussnoten fungieren als grabsteinerne Erkennungstafeln. Aber ist vergangenes Leben zu vergleichen mit einem toten Körper, über den man sich bloss in wissenschaftlicher Manier beugt, sofern einem an der Wahrheit gelegen ist? Ein Körper also, den man bloss analysiert, seziert?

Wir verdanken der Geschichtswissenschaft einiges. Der Historiker legt Schicht um Schicht der Zeiten bloss. Häufig treibt er auch Tiefenbohrungen vor in tabuisierte, verdrängte Schichten. Die Psychologie spricht nicht umsonst von der berühmten Leiche im Keller, die ein Störfaktor zu werden droht für das, was wir Gegenwart nennen. Sich mit dem Vergangenen beschäftigen, auch mit dem Missliebigen, heisst: etwas tun für eine freiere Zukunft. Historiker tun das, indem sie sich behutsam dem Gegenstand vergangener Welten nähern. Sie tun das in der Gewissheit, von ihren Funden «erzählen» zu müssen: An den Vorlesungen meines Geschichtsprofessors an der Uni Fribourg, eines kleingewachsenen Bündners (es war der Vater von Daniel Vasella), ständig mit Veloklammern an den Hosenbeinen, faszinierte mich genau diese seine Art, wie er Ereignisse und Figuren mit seiner saftigen, ganz eigenen Sprache zurück ins Leben riss: Jürg Jenatsch erschien leibhaftig im Gasthaus zum Staubigen Hüetli in Chur – dank Vasellas Erzählung im Hörsaal.

Die Moderne hat eine Erkenntnis der Neuzeit besonders vorangetrieben: dass die Wahrnehmung und Darstellung von Phänomenen je nach Standpunkt des Betrachters variieren. Bei aller Seriosität wird Vergangenheitssuche also immer bei einer Annäherung bleiben, und die Geschichtswissenschaft hat den absoluten Wahrheitsanspruch des 19. Jahrhunderts aufgegeben. Auch der akademische Historiker wählt aus, betrachtet mit seinem eigenen Auge, auch er ist Kind seiner Zeit und hat seinen Erfahrungshintergrund. Oder um es mit Fernando Pessoa zu sagen: Man sieht, was man ist.

Dem literarisch Arbeitenden ist die Subjektivität des eigenen Schaffens seit jeher bewusst, er zieht möglicherweise für seine Darstellung daraus Nutzen, da er sich anschickt, im Erzählten Leben zu transportieren. Das bedeutet: Augenschein an den relevanten Orten der Topoi. Und: Suche nach den Primärquellen. Man mag hier einwenden, dass solches auch für den Geschichtswissenschafter gelte, und es stimmt. Aber Historiker und Literat gehen auf ihrer Reise nicht selten unterschiedliche Wege: Ersterer befragt Spezialisten seines Fachs, recherchiert entlang einer halbwegs gesicherten Faktenkette aus den Fakultäten, während letzterer eher seinem subjektiv-künstlerisch-intuitiven Weg vertraut. Wie das aussieht? Schauen wir es uns an:

Zu einigen der von mir literarisierten Themen, z.B. «Ibicaba, das Paradies in den Köpfen», entstand beinahe gleichzeitig eine Dissertation. Eine Doktorandin, im Besitz der gleichen Materialien, bearbeitete ebenfalls das Thema der Auswanderung von Schweizer Wirtschaftsflüchtlingen Mitte des 19. Jahrhunderts nach Brasilien (Beatrice Ziegler: «Schweizer statt Sklaven»). In der Dissertation waren eher äussere Umrisse, Statistiken, Zahlenmaterial wichtig, in der literarischen Bearbeitung mehr die Schilderung des Auswandereralltags, die Befindlichkeit der Menschen während der Überfahrt, ihre Utopien.

Die Arbeiten, sich ergänzend, enthalten jede ihre eigene Wirklichkeit.

Spurensuche

Wer literarisch über Vergangenes schreibt und auf Spurensuche geht, tut gut daran, sein Werkzeug bei der Wissenschaft zu holen, z.B. was das kritische Lesen alter…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»