… in den Hort der Schwermut

Karin Richner: Echolot. Zürich: bilgerverlag, 2013.

… in den Hort der Schwermut

In einer Schneekugel liegt die Welt geborgen. Unter dem Glas ruht eine romantische Winterlandschaft, worin die Liebe zu zweit vor all dem Unwägbaren der Realität geschützt erscheint. Manchmal denkt sich Saskia mit Nils in sie hinein und hofft, «dieser Augenblick wäre für immer gefangen und eingefroren». Als ihr Traumprinz eines Tages jedoch auf unerklärliche Weise verschwindet, fällt das Kartenhaus einer Bilderbuchbeziehung aus Sommerurlauben und gemeinsamen Kindern zusammen. Einzig eine rätselhafte Zeichnung lässt Nils am Morgen seines Aufbruches zurück.

Die verlassene Saskia, überfordert mit dem Alleinsein und der Erziehung, verliert zunehmend den Alltag aus den Augen. Indem sie sich in Erinnerungen verstrickt, gleicht das Hier und Jetzt einem «schwarze[n] Loch, um das wir kreisen und das uns allmählich zu verschlingen droht».

Dennoch ahnt sie: der Schlüssel zum Geheimnis seines Verschwindens muss das Rebus sein, das Nils ihr hinterlassen hat. Als sie dessen Mutter, eine depressive Altjungfer, die im Strudel ihrer Gedächtnisfragmente untergegangen zu sein scheint, aufsucht, erfährt sie: Er ist gegangen, um sich einer Schuld aus der Kindheit zu stellen.

Karin Richners neuer Roman «Echolot» geht den Spuren des Verlustes nach, erzählt sensibel, wie die Gegenwart gänzlich von der Vergangenheit überschattet werden kann. Dieser Blues der Nostalgie, das Sinnieren über das verlorene Paradies, spielt dabei ganz auf der Klaviatur der gegenwärtigen, jungen und vor allem weiblichen Gegenwartsliteratur: Erinnerung kann stets Gefahr sein, sie kann aber auch als Motivation dienen, das Innere im Spiegel der Gegenwart erst besser zu verstehen. Richner zeichnet das konzentrierte Psychogramm einer Sehnsüchtigen, die den abwesenden Mann als Stabilisator wiederzufinden hofft. Doch um dessen hochaktuelles Verschwinden aufzuklären, muss sie zuvorderst seine Vergangenheit verstehen. Wie in einer Frottage legt die Autorin Schicht um Schicht seines Geheimnisses frei und führt den Leser in lakonischer Geruhsamkeit zu den Gesteinsablagerungen der menschlichen Seele. Obwohl es dem inwendigen Band ein wenig an sprachlichem Feinschliff fehlt und der Beschreibungsreichtum der Ich-Erzählerin manchenteils zu sehr in Banalitäten abdriftet, überzeugen Psychologie und Sentiment dieses satten Buches. Die schwermütige Verinnerlichung Saskias artet an keiner Stelle in Selbstverlust aus, und wo der Typus des Melancholikers immer wieder um sein gesellschaftliches Ansehen kämpfen muss, bestärkt Karin Richner dessen produktive Kraft: Er bewahrt seine Gedanken als Hort. Wer «Echolot» liest, ist daher gut beraten, dies als Schatzsucher zu tun.