«…dann schmeissen uns die pfiffigen Schweizer alle raus»

Wenn William S. Burroughs während seines Wallis-Aufenthalts weder an der «University of the New World» dozierte, noch in seinem Hotelzimmer las oder Codein-Pillen schluckte, schrieb er Briefe an Freunde und Bekannte: Zwei unkorrigierte Rapporte aus Haute-Nendaz.

«…dann schmeissen uns die pfiffigen Schweizer alle raus»
Postcard to Brion Gysin, dated October 18, 1971: Series III, C-37 Part V, Box 86, Fol. 5: Courtesy of the Henry W. and Albert A. Berg Collection of English and American Literature. The New York Public Library, Astor, Lenox and Tilden Foundations, used by permission of The William S. Burroughs Trust and The Wylie Agency LLC. Copyright © The Estate of William S. Burroughs.

WSB (Haute-Nendaz, Schweiz) an Brion Gysin und Antony Balch (London)
21. Okt. (1971)

Lieber Brion: Lieber Antony:

Wie ihr vermutet habt, kein Honorar. Vielmehr kein Geld. Universität könnte jederzeit
dichtmachen. De Grazia war schon weg bevor ich ankam, einen Nachfolger gibt es nicht. Lehrkörper und Studenten klagen wegen Vertragsbruch in ein grosses Vakuum hinein, Universität steht unter polizeilicher Aufsicht, jede Menge Drogenskandale. Die klare Bergluft im Anschluss an London hat mich mittels quälendem Husten ausser Gefecht gesetzt. Nächste Apotheke
fünfzehn Meilen entfernt. Inzwischen habe ich was ich brauche und fühle mich besser. Nichtsdestoweniger sehr froh, dass ich hier bin und zur Abwechslung mal etwas Sonne und Himmel sehe und kann nicht verstehen wie ich es die ganze Zeit in London ausgehalten habe. Und die Studenten sind der Knüller. Habe diverse Fans von dir getroffen. Wo können wir The Process kaufen? Wann kommt es als Taschenbuch heraus? Der Ort ist wirklich wunderschön und so
still. Niemals eine solche Stille erlebt. Habe ein paar Veteranen aus dem Chelsea Hotel aufgetan, Freunde von Ira [Cohen], Irving Rosenthal, Allen Ginsberg, Harold Norse, LeRoi Jones, Alex [Trocchi], [Herbert] Hunche [sic: Huncke]. Habe alles in allem eine schöne Zeit und wünschte
ihr wärt hier. Wäre dies ein gut laufendes Unternehmen dann könnte es das reinste Vergnügen sein, wenn wir drei hier unterrichten würden. Wie es jetzt aussieht macht die Universität in
ein paar Wochen dicht. Es wäre ein Wunder, sollte ich mein Rückreiseticket nach London gestellt bekommen. Hoffe nur ich bleibe nicht auf der Hotelrechnung sitzen.
Telefonieren mühsam. Inzwischen bin ich im Hotel Monte Calm abgestiegen ziehe aber heute vielleicht bei ein paar Studenten ein. Sofern ich mir die Kosten zusammenschnorren kann
bleibe ich bis Mitte November. Wenn die Touristen-Saison anfängt dann schmeissen uns wie
ich glaube die pfiffigen Schweizer alle raus. Was für ein Chaos hat de Grazia da angerichtet
und was für ein Knüller könnte die Universität sein. Niemand da für den Film-Kurs und der
letzte Dozent ist mit dem einzigen Projektor abgehauen. Ein wunderhübscher blonder Junge
will Mathematik studieren aber kein Lehrer. Zwei Videokameras spurlos verschwunden
etc. Bin per Telegramm an die Universität erreichbar. Habe wirklich eine schöne Zeit und wünschte ihr wärt hier

Herzlich

Bill

 


WSB (Haute-Nendaz) an Brion Gysin [London]

22. Okt. 1971
Hotel Monte Calm Zimmer 1
Haute-Nendaz
Valais, Schweiz

 

Lieber Brion

Situation hier hat sich halbwegs stabilisiert. Die Universität zahlt alle Spesen nach und von und zwischendrin. Wie du an beiliegendem Beispiel siehst haben sie eine eigene Währung
ausgegeben die von den örtlichen Läden und Restaurants gegen 2% Aufschlag eingelöst wird. Ein hiesiges grosses Tier namens Levy Fournier hat 50 000 Dollar in die Universität gepumpt und steht hinter den Kühen, wie das Geld genannt wird. Er und die Universität werden von ihren politischen Feinden in der Presse angegriffen, die Fehde geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Wünschte ihr wärt hier um die Szene zu blicken. De Grazia wird in zwei Wochen zurückerwartet imchallah [Insha’Allah1] mit weiteren $. Eines muss man ihm lassen er hat hier wirklich was ins Laufen gebracht und ich hoffe er kann weitermachen. Für jeden von uns wäre das ein grossartiger Platz, um ein oder zwei Monate im Jahr hier zu verbringen und durch die klare Luft und die Stille auf Sterne zu blicken die ich zuletzt vor 35 Jahren in der Sahara gesehen habe.

Ich habe beschlossen an meinem Hotelzimmer mit seiner Privatsphäre, Zentralheizung und warmem Wasser festzuhalten, anstatt in ein Chalet mit einer bunten Mischung von Typen,
Ölheizung und Kochplan zu ziehen. Heute Abendessen mit einem Swami und Studenten. Werde zwei Abende in der Woche ein Seminar geben über alles was ich gerade so sagen will, in der
restlichen Zeit gehe ich spazieren, schaue rundherum mal rein, lese, schreibe, trinke Kaffee,
der beste Kaffee aller Zeiten. Es gibt ein makrobiotisches Restaurant das von einem

wunderschönen Schwarzen geführt wird, da kann ich Fondues, dieser furchtbaren Schweizer Erfindung, aus dem Weg gehen. Die Läden im Ort führen Players. Die Heizungen das Beste, was ich je gesehen habe, bündig in die Wand eingesetzt. Die Fenster schliessen alle und sind dicht.

Verblüffend viele Replikanten von Leuten hier, die ich kenne … Ein John Hopkins, ein Ian,
ein Billy, ein Dave Wollman, diverse Ginos [Foreman], ein Malcolm McNeill, ein Jerry Gorsaline, all die Tussen aus dem Beat Hotel.

Sofern nichts Unvorhergesehenes passiert bleibe ich bis Mitte November hier im Hotel,
so dass wichtige Briefe weitergeleitet werden können.

Schreib mir bitte was es Neues in London gibt,
Grüsse von mir an alle in London

Herzlichst

William

 

1 Insha’Allah: arabische Redewendung, die am ehesten mit «So Gott will» zu übersetzen ist.