«Das ist grauenhaft!»

Weniger Einkommen, mehr Freiheit: Krimiautor Michael Theurillat zog das Schriftstellerleben dem Bankerleben vor. Nun macht er sich Gedanken darüber, was Ökonomen von Schriftstellern lernen können – und umgekehrt. Ein Gespräch von Macduff über Mark Twain bis Marcel Ospel.

«Das ist grauenhaft!»

Herr Theurillat, Sie haben vor wenigen Jahren die Rolle des Bankers mit derjenigen des Schriftstellers getauscht…

…und damit auch das Gehalt! (lacht)

Darauf will ich hinaus. Von einem siebenstelligen Gehalt in Richtung unsichere Schriftstellerexistenz herunterzufahren: das widerspricht der ökonomischen Vernunft.

Sie dürfen die Ökonomen nicht unterschätzen, wir haben für alles eine Erklärung.

Lassen Sie hören!

Es gibt das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens des Geldes: ab einem gewissen Niveau nimmt der zusätzliche Nutzen jedes hinzuverdienten Frankens laufend ab. Aber als ich frisch von der Uni kam, stellte sich diese Frage noch nicht. Ich erlebte beim Schweizerischen Bankverein den Aufstieg der Derivate, war dabei, als wir den ersten Indexfonds programmiert haben und Marcel Ospel mit den Turnschuh-Guys aus Chicago die erste Transatlantic-Cooperation startete. Diese Pionierphase war extrem spannend, ich habe gutes Geld verdient – aber nach etwa 15 Jahren erreichte ich den Punkt, an dem es für mich nichts Neues mehr zu entdecken gab. Dazu kam eine gewisse Erschöpfung. Ich habe ein Sabbatical eingelegt. Daraus bin ich bis heute nicht zurückgekehrt.

Die reflexive Midlifecrisis ist also die zweite, die menschliche Erklärung?

Vielleicht. Mit vierzig habe ich mir jedenfalls zum ersten Mal die Frage gestellt: wie will ich eigentlich alt werden? Wer sind die alten Menschen, die ich wirklich gut finde? Es sind mir dann kaum pensionierte Banker eingefallen.

«Der Künstler altert in Würde.» Ein Klischee, das nicht nur durch das Schicksal Amy Winehouses oder F. Scott Fitzgeralds entlarvt wird.

Die wurden ja beide nicht alt. Nehmen wir besser Mark Twain – aber ich frage zurück: wer kann frei über sein Tun bestimmen?

Mit Verlaub: sicher nicht nur der Schriftsteller.

Ich gebe Ihnen recht, aber er geniesst Privilegien, die der Angestellte nicht hat. Wenn ich hier von Freiheit spreche, meine ich damit Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. Das Suchen nach dem eigenen Weg, das Sichnichtbiegenlassen durch die Launen der Unternehmenschefs, die Umstände oder die Gesellschaft. Es geht darum, sich zu fragen: Was hat diese Welt mit mir zu tun? Inwiefern verfalle ich den grossen Verführungen? Schriftsteller tun das – und sie bringen ihre Antworten zu Papier. Genau das tue ich jetzt: Schreiben – das ist nun manchmal Hobby, manchmal Beruf. Vielleicht arbeite ich sogar mehr als früher, aber mit einem besseren Gefühl. Meinen damaligen Vorstellungen bin ich heute ziemlich nahegekommen.

Gut: Sie mögen aufgrund der finanziellen Unabhängigkeit auch künstlerisch weitgehend frei sein. Ihr Verlag muss sich aber sehr wohl um seine Kundschaft kümmern.

Sicher. Mein persönliches Privileg ist, dass ich zuerst Banker war und erst später in die schreibende Zunft eintrat. Durch meine finanzielle Unabhängigkeit kann ich auf Stipendien verzichten, Kolumnen ablehnen, schreiben, was ich will. Ich habe das ja schon früher getan, kleine Texte verfasst. Irgendwann wurde eine Geschichte immer länger, bei 100 Seiten dachte ich: das könnte jetzt ein Roman werden. Dass heute viele Menschen meine Bücher mögen, ist schön – und bestimmt freut sich auch mein Verlag über die neuen Schweizer Leser.

Ihre privilegierte Ausgangslage dürfte im Literaturbetrieb auch ihre Schattenseiten offenbaren.

Der Preis dafür ist, dass ich wohl kaum je einen Literaturpreis bekommen werde. Wer gibt schon einem Ex-Banker einen Literaturpreis?

Sie lachen, aber ich mutmasse: das trifft Sie.

Im Gegenteil. Ich finde es entspannend, nicht nach Anerkennung von Institutionen jagen zu müssen. Mir gefällt es, mich ausserhalb gängiger Klischees zu bewegen.

Bleiben wir also kurz bei den Rollenklischees: Literaten einerseits verstehen die Gesetze der Ökonomie und ihre Vermittler, die Ökonomen, oft nur bedingt. Andererseits existiert auch wenig Verständnis seitens der Ökonomen und Unternehmer für Künstler, die ihre Werke mit kulturphilosophischer Inbrunst als gesellschaftlich relevant bezeichnen. Wer hat das grössere Problem mit dem jeweils anderen?

Was Sie beschreiben, illustriert Michael Ende treffend in «Jim Knopf», in dem er den Scheinriesen erfindet, diesen von weitem unglaublich gross und gefährlich erscheinenden Mann, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Vor ihm stehend, ist er dann genau so gross wie sein Betrachter. In meinem Elternhaus – meine Mutter ist Literaturwissenschafterin, mein Vater Geschäftsmann – gingen schräge Typen ständig ein und aus. Ich hatte nie ein Problem mit diesen angeblich aufeinanderprallenden Welten. Mein Freundeskreis besteht aus Bankern, Pfarrern bis hin zu Künstlern. Klar, die angesprochenen Gräben und Vorurteile wird es immer geben. Aber der eine hat mehr Spass daran, den Graben zu pflegen – und der andere mehr Spass daran, über den Graben zu springen. Wer sich der menschlichen Vielfalt verweigert, pflegt seinen Scheinriesen.

Im Feuilleton finden sich die sogenannten Krimiautoren bis heute eher selten, obwohl sich ihre Reputation verbessert hat. Kommerziell spielt der Krimi auch in der Schweiz wieder eine übergeordnete Rolle …

…das war 2003, als ich mit dem Schreiben des ersten Romans begonnen habe, noch anders! Der Krimi war keine Nische – er war eine Leiche! So hiess übrigens der Titel eines Artikels im «Facts»: «Krimileiche Schweiz». Ausser Roger Graf in Zürich und Hansjörg Schneider in Basel gab es kaum Krimiautoren in der Schweiz. Derweil boomten in Deutschland die Regionalkrimis. Das liess mich nachdenken. Im Land von Dürrenmatt und Glauser braucht es doch mehr!

Sie sehen sich als Nothelfer des Schweizer Krimis?

Um Gottes willen nein! Eher als Reanimator von zeitgenössischen Romanen, in denen ein Verbrechen im Mittelpunkt steht. Der Krimi ist ja eine Disziplin, in der sich die Geschichte durch ein Verbrechen verdichtet. Das gefällt mir. Nehmen Sie die Königsdramen von Shakespeare, so gesehen sind das auch alles Krimis.

Ihr Ermittler Eschenbach erinnert weniger an einen neuzeitlichen Macduff, trägt dafür aber auffallend viele Züge der prominenten Verbrechensbekämpfer unserer jüngeren Literaturgeschichte. Sie haben sich sehr ausgiebig am Gemischtwarenladen des Krimigenres bedient – um es freundlich auszudrücken.

(lacht) Mir ging es darum, ein schweizerisches Exemplar der aus der Weltliteratur bekannten Ermittler zu finden, um damit auch an ihre Traditionen anzuknüpfen. Die stets qualmende Brissago Eschenbachs ist eine Hommage an Glausers Studer, die Langsamkeit findet sich bei Georges Simenons Maigret. Ich mag diese unaufgeregten Charaktere, weil sie eine gewisse Normalität vermitteln, und mir fällt es leichter, mich mit ihnen zu identifizieren. Es ist schliesslich die Figur, die durch den
Roman führt.

Und inwiefern hat der ausgebildete Ökonom dabei die Vermarktungstauglichkeit im Hinterkopf gehabt?

Wenn man noch gar keinen Verlag hat und zugleich weiss, wie schwierig es ist, einen zu finden, dann denkt man nicht an die breite Masse. Vielmehr ist man froh, wenn das Buch überhaupt irgendwann mal erscheint. Insofern war Massentauglichkeit kein Ziel in der Wahl der Charaktereigenschaften von Eschenbach.

In Ihrem neuen Kriminalroman «Rütlischwur» lassen Sie Eschenbach in der Welt der Privatbanken ermitteln. Wie viel Insiderwissen haben Sie hier in Fiktion verklausuliert?

Ein roter Faden in «Rütlischwur» gilt dem Compliance-Geschäft – einem boomenden Geschäft, das von der Angst der Menschen lebt. Eschenbach lässt sich mit seinem Wissen über Sicherheit von einer Privatbank als Compliance-Officer anheuern, weil der vorherige Compliance-Verantwortliche spurlos verschwunden ist. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, dass am Schluss ganze Heerscharen damit beschäftigt sind, zu kontrollieren, und es trotzdem zu immer grösseren Entgleisungen kommt, lässt sich im Mikrokosmos einer Bank ganz anschaulich erklären. Wir steuern auf eine Misstrauensgesellschaft hin, an deren Ende keiner mehr dem andern traut.

Die Finanzkrise als Krimistoff: Sie müssen aufpassen, dass die Realität nicht die Fiktion überholt.

Ich verrate Ihnen etwas: dieser 2-Milliarden-UBS-Verlust vom September beispielsweise, das wird immer wieder passieren. Je mehr man die Banken kontrolliert und je mehr Regulatorien man erfindet – es wird nicht besser, im Gegenteil. Die Komplexität der Systeme führt zu einer Überforderung, und am Ende sind die Unfälle – sofern man sie entdeckt – einfach grösser. Es existiert übrigens in der Realität wie im Roman ein Gegenpol zur herkömmlichen Bankenwelt. Valentin Roschacher, der ehemalige Bundesanwalt, der ebenfalls ein neues Leben angefangen hat und jetzt Berge malt, hat mir davon erzählt: ein Bankensystem, in dem gar nichts aufgeschrieben und kontrolliert wird. Es funktioniert komplett ohne Spuren. Und dieses System – es stammt übrigens aus dem Arabischen und ist recht alt – heisst Hawala.

Hawala geriet nach dem 11. September 2001 in die Schlagzeilen, weil Terroristen es dazu benutzen, um ihre Anschlagsvorbereitungen zu finanzieren.

Genau. Das Geschäft basiert rein auf Vertrauen und funktioniert ganz simpel: ein Netz aus telefonisch verbundenen Personen existiert, ohne dass die Personen einander persönlich kennen oder das System als Ganzes irgendwo registriert wäre. Ich gebe meinem Hawala-Banker hier in Zürich 10 000 Franken, er macht einen Anruf, ein nächster macht einen Anruf und innert Minuten sind die 10 000 Franken – ausbezahlt in Rupien – bei meiner Schwester in Karachi. Das ist günstig transferiertes, erstaunlich sicheres und spurloses Geld: keine Bank verdient daran – und auch kein Staat. Mit etwas Phantasie ist diese Schattenwirtschaft der neue Hauptkonkurrent für Staaten und Banken, denen aufgrund des potentiellen Kapitalabzugs die Pleite droht.

Mit diesem intimen Blick in die Banken werden Sie dem einen oder anderen ehemaligen Kollegen sicher auf die Füsse treten.

Das glaube ich nicht. Wer auch nur ein wenig Humor hat – Sie wären erstaunt, wie viel Humor die meisten Banker tatsächlich haben –, wird die Geschichte mit Vergnügen lesen. Humorlose Leute gibt es selbstverständlich überall, sowohl bei den Bankern als auch bei den Schriftstellern – und zwar etwa in gleichem Masse. Für sie schreibe ich aber nicht.

Ist es nicht problematisch, wenn Sie den «kleinen Mann» von der Zürcher Kripo mit all seinen Marotten immer wieder in die eben angesprochenen internationalen Kontexte einrücken müssen? Schnell entsteht der Eindruck, das Grosse korrespondiere nicht so recht mit dem Kleinen – das Ganze wirkt konstruiert.

Es gibt immer ein Verbrechen, und das ist lokal. Das bedeutet in meinem Fall: jemand begeht einen Mord. Und der geschieht im polizeilichen Einzugsgebiet Eschenbachs, in Zürich. Zürich ist ein Musterbeispiel für eine Stadt, die den äusseren Glanz verbindet mit Intrigen und sehr vielen Machtspielen. Das Verbrechen findet hinter dieser gutgepflegten Fassade statt: die perfekte Ausgangslage also für einen Krimi, der sich aus dem Lokalen ins Globale aufspannt. Das hermetisch Abgeriegelte reizt mich nicht. Den lokal verübten Mord zu verknüpfen mit für mich relevanten grösseren Zusammenhängen – das ist eher mein Stil.

Die schweren Verbrechen kann man hierzulande doch an einer Hand abzählen.

Das dachte ich auch. Aber nein, um Gottes willen, das ist grauen-haft: hier wird gemordet, vergewaltigt und betrogen, dass es einem bange wird. Ich habe im Zuge meiner Recherchen mal die Kriminalstatistik der Kantonspolizei Zürich gelesen. Sie würden staunen, was man da alles liest.

Wie muss man sich Ihre Recherchen weltweit vorstellen?

Soll ich Ihnen das wirklich verraten?

Wie im klassischen Verhör: wo waren Sie, als Sie die erste Zeile Ihres neuen Romans geschrieben haben?

Berufsgeheimnis.

Sie haben also bloss eine Google-Recherche gemacht.

(lacht) Noch schlimmer: was die Details anbelangt, recherchiere ich oft erst im nachhinein. Ich träume das Zeugs, ich phantasiere mir alles zusammen. Und dann beginnt es zu leben und ich schreibe es auf. Am Schluss gehe ich hin und sage: jetzt mal schauen, ob das wirklich ungefähr so hinkommt. Da gibt es eine wunderschöne Geschichte bei «Eistod», als Eschenbach im Winter in die Limmat fällt. Da bin ich im nachhinein ans Central gegangen und wollte mir die Realität noch anschauen, kurz bevor ich den Roman abgeben musste. Ich habe dann mit Schrecken festgestellt, dass dort das Geländer so hoch ist, dass man nie im Leben in die Limmat fallen kann! Innerhalb kürzester Zeit musste ich die gesamte Szene noch rüber zum Landesmuseum verschieben. Ich habe mich also in die Central-Bar gesetzt und fleissig umgeschrieben. Sie sehen: die Methode funktioniert.