Finite Incantatem

oder Schmetterling zerhauen

Ich bin in unserem Garten, gehe neben den Schwertlilien, schaue in den Himmel, bleibe stehen. Ich schaue zu Boden. Neben meinem Fuss Schmetterling, er torkelt ein wenig, ich frage mich, ob ich auf ihn draufgestanden bin.

Ich knie und betrachte den Schmetterling. Er ist bräunlich, nicht besonders schön, er ist kein Schwalbenschwanz oder Bläuling, oder wie sie heissen, die Schönen.

Ich berühre ihn vorsichtig. Ich frage mich, weshalb er nicht fortfliegt.

Ich bin noch jung.

Vielleicht zehn.

Ich gehe jeden Tag zur Schule. Über die Brücke, über die Zugschienen, unter einem kleinen Himmel, in schwarz-roten, klobigen Turnschuhen mit der viel zu breiten Zunge, die gerade Mode ist.

Die Häuser stehen einfach so herum, schauen in unterschiedliche Richtungen und ergeben keine Stadt.

Die Strassen haben keinen Weg an sich.

Auf der Strasse kommt man aus den Häusern nicht heraus.

Ich bemerke etwas an mir.

Ich bemerke eine Schönheit, irgendwo habe ich eine solche Schönheit, eine kranke Schönheit.

Es ist eine verworrene Schönheit am Körper.

Aber am Körper ist sie unsichtbar.

Es ist eine gesungene Schönheit.

Aber das Singen sieht man nicht.

Es ist eine verwarzte, in sich selbst verliebte, eine sich selber aufessende, seidige, verborgene Schönheit.

An mir sieht man die Schönheit überall, aber man erkennt sie nicht.

Ich sitze in der Schule mit dieser Schönheit und schaue aus dem Fenster den Sechstklässlern beim Fussballspielen zu. Ich weiss noch nicht: ist diese Schönheit hier eine Schönheit oder ist es eine Krankheit?

 

In der Pause spiele ich mit Julian und Doro «Harry Potter».

«Stupor!»

«Protego! Crucius!»

«Keine unverzeihlichen Flüche, sonst kommst du nach Askaban!»

«Mir doch egal!»

«Petrificus totalus!»

«Scheisse, ich bin zur Salzsäule erstarrt! Wie war nochmal der Spruch, der mich befreit?»

«Still, du kannst dich nicht bewegen, du kannst auch nicht sprechen!»

«Aber wie ist nochmal der Spruch, der mich befreit?»

«Keine Ahnung.»

«Hallo!? Du kannst nicht sprechen! Du bist versteinert!»

Die Schulglocke.

 

Ich bin ein bisschen älter.

Ich sehe die Schönheit auch an anderen. Wer die Schönheit hat, hat nichts anderes im Leben.

Ich weiss nicht wirklich, dass ich die Schönheit habe. Aber ich ahne es sehr genau.

Die Schönheit ist eine feinst verästelte Einsamkeit, die wie eine riesenhafte, uralte Buche in mein Aderwerk hineinwuchert. Die Buche streckt sich bis in meine Wimpern, bis unter die Fusssohle. Und wenn ich jemanden sehe, an dem man die Schönheit sieht, dann zittert das Laub der Buche und ich muss schnell wegschauen, weil ich hab Angst, dass ich sonst zerspring.

Und die Schönheit sitzt den Männern im Bewegen auf den Handgelenken, im Reden hängt sie an den Mundwinkeln und im Vergehen springt sie aus ihnen raus.

Ich beobachte sie.

Wenn die Männer alt sind, haben sie die Schönheit aufgebraucht und es ist nur noch die Einsamkeit übrig. Ihre Haut schleppt sie nah an den Hauswänden durch teure Kleider hindurch. Sie sitzen in den lauen Abenden am offenen Fenster und schminken ihre Einsamkeit. Ihre Sehnsucht, etwas zu sein, blüht in grossen Faltenrosen mit ihrem Gesicht. Aber sie sind nichts. Ihnen war nur die Schönheit erlaubt. Manchmal klammern sie sich an einen anderen, der auch nichts mehr ist, dann sitzen sie in kleinen Cafés an belebten Strassen, schauen in unterschiedliche Richtungen und sind gemeinsam noch weniger.

Ihr Blick ist der Blick einer Fleischkuh, die sich ein Leben lang hat mästen lassen, die man dann zu essen vergessen hat. Die Augen ertrinken im eigenen Wasser.

Jeder Satz von ihnen fängt mit Ich an. Das Wort schleppt sie durch alle Sätze hindurch und stellt sie in ihrem Nichtssein wieder ab.

Meine Schönheit sagt mir, dass ich so ein Nichts sein werde, wenn sie aufgebraucht sein wird.

 

Ich liege auf dem Bett.

Meine Schönheit ist ein ungeheures Knäuel geworden.

Ich bin elf geworden, der Geburtstag, an dem man den Brief von Hogwarts bekäme. Ich habe keinen Brief bekommen. Ich warte noch ein Jahr, denke ich, vielleicht werde ich ein Jahr später eingeschult, vielleicht bin ich ein wenig schwer von Begriff und sie wissen das und warten noch ein Jahr.

Ich warte noch ein Jahr.

An meinem zwölften Geburtstag lache ich schon über mein Aufdenbriefwarten.

 

Ich geh über die Brücke zur Schule.

Der Weg von uns über die Brücke zur Schule ist so gleich jeden Tag, dass ich immer noch die Schritte sehe von gestern. Irgendwann wachsen sie zu einem Seil.

Irgendwann ist der Schulweg ein Seiltanz.

Irgendwann ist das Seil sehr hoch.

Von dort oben schwindelt mir und ich schaue die Leute an.

Die Frauen, denen man die Schönheit ansieht, sind weiter als die Männer, denen man die Schönheit ansieht. Die Frauen, denen man die Schönheit ansieht, tragen die Schönheit am Frausein. Sie gehen in die Berge zum Wandern und ziehen das Frausein manchmal langsam ab und darunter sieht man das Hässliche der Schönheit.

Die Männer würden sich nie getrauen, das Mannsein abzuziehen.

 

Es ist eine einfache Rechnung für die Leute, wenn sie auf der Strasse gehen.

Eine Frau minus ihr Frausein ist hässlich.

Ein Mann minus sein Mannsein ist nichts.

Und selbstverständlich ist ein Mann ohne sein Mannsein auch ausgesprochen hässlich. Aber die Frau hat noch das Fühlendürfen, das hat der Mann halt nicht.

Die Gleichung geht so: Hässlichsein minus Fühlendürfen gleich Nichtssein.

 

Ich also neben den Schwertlilien, über den Schmetterling gebeugt, frage mich, weshalb er nicht fortfliegt.

Meine Schwester beugt sich über mich.

«Was hast du da?»

«Schmetterling.»

«Oh, schön!»

«Jaa -»

«Naja, ausserordentlich schön ist er nicht.»

«Nein, voll nicht. Weshalb fliegt er nicht weg, wenn ich ihn berühre?»

«Du hast ihn berührt?»

«Ja, er sass so da.»

«Oh nein, Schmetterlinge darf man nicht berühren, auf jeden Fall ihre Flügel nicht, die haben so einen Feenstaub auf den Flügeln und wenn der weg ist, dann können sie nicht mehr fliegen. Und wenn sie nicht mehr fliegen können, dann leiden sie sehr. Dann ist es besser, man tut sie töten.»

«Aber wenn man sie töten tut, leiden sie dann nicht mehr?»

«Nein, wenn man sie töten tut, leiden sie nur ganz kurz, ganz schlimm.»

«Weshalb leiden sie denn, wenn man sie nicht töten tut?»

«Weil der Schmetterling fürs Fliegen gemacht ist und wenn er nicht mehr fliegen kann, dann will er auch nicht mehr leben. Dann leidet er ganz lang, ganz schlimm.»

«Kann er wirklich nicht mehr fliegen?»

«Ich glaube nicht.»

«… Nein.»

«Nein.»

«Hier, nimm den Stein. Du tust ihm den grössten Gefallen, wenn du ihn tötest.» Meine Schwester hebt einen Stein vom Boden, gibt ihn mir und geht.

Ich sitze lange da. Der Schmetterling schaut mich lange an. Ich schubse ihn, damit er fortfliegt. Er meint wohl, dass ich ihn schubse, damit er hierbleibt.

Ich sage nichts.

Ich schlage zu. Ein Flügel ist ganz geblieben und blinzelt.

Ich schlage sehr schnell, sehr viele Male. Dann ist der Schmetterling ganz Staub und der Stein ganz zersplittert und meine Hand hat Splitter vom Stein und ist aufgeworfen. Ich ziehe langsam die Haut ab. Ich rieche daran. Darunter liegt das Fleisch wie ein nasses, rotes Glas.

Ich spüre die Schönheit wie eine bösartige Maschine im Bauch, bis an den Hals und vor allem in der Hand, ich sehe meine schreckliche Schönheit.

 

Mutter fragt am Abend, was ich mit der Hand gemacht habe. Vater sitzt daneben und sagt nichts. Ich sage, dass ich sie aufgeschürft hätte, beim Spielen im Garten. Ich schaue ihr gerade in die Augen und sage nichts.

Dann weiss ich, dass das jetzt eine Lüge gewesen ist.

Meine Schwester sagt nichts und isst den Reis mit Gehacktem.

Ich schaue in den Reis. Er erinnert mich an etwas.

Meine Schwester erzählt von der Schule.

Sie hat gelaubsägelt.

Ich esse den Reis mit Gehacktem.

Mit jedem Reiskorn esse ich ein Körperchen eines Schmetterlings.

 

Ich gehe über das Seil zur Schule.

Ich falle nie. Ich bin weit weg von den Dingen.

Ich sitze in der Mensch-und-Umwelt-Stunde.

Julian sitzt schräg vor mir. Er hat sehr blondes Haar.

«Psst, Julian.»

Er dreht sich um.

«Du kannst nicht sprechen, hast du vergessen, der Fluch ist immer noch auf dir!»

Ich schreibe ein Zettelchen und werfe es Julian an den Kopf, sobald der Lehrer nicht schaut.

Lieber Julian.

Wie geht der Gegenfluch? Kannst du mich bitte befreien? Ich wäre sehr froh. Gruss, D.

Ich schiebe es ihm zu. Er lächelt, schüttelt den Kopf. Er schreibt etwas aufs Zettelchen, faltet es und wirft es zurück.

Wenn du es noch herausfindest, schreib ihn auf ein Zettelchen, dann rede ich wieder mit dir. Gruss, J.

Ich versuche nach der Schule mit Doro zu sprechen, auch sie schüttelt den Kopf.

Ich gehe nach Hause, über das Seil, schlage zu Hause sofort den «Harry Potter» auf. Ich weiss nicht mehr, welcher Band es war.

Ich weiss genau, welche Stelle.

 

Ich nehme ein Zettelchen, schreibe den Zauberspruch auf, schreibe ihn sehr aufgeregt auf das Zettelchen, falte es, schreibe «An Julian» drauf, verschmiere in der Aufregung das «Julian», renne die Treppe hinunter, ziehe die Schuhe über, die schwarz-roten, klobigen Turnschuhe mit der viel zu breiten Zunge, renne durch den Garten, renne den kleinen Weg hinunter, renne zu Julian, der sehr nahe wohnt, ich renne auf dem körnigen Asphalt, als wäre er eine Strasse, als würde man jemals irgendwohin gelangen darauf, und ich habe einen komischen Moment, mir scheint, dass ich vom Seil hinunterfalle, zu Julian rennend, in meine Schönheit hinein, die so gross ist wie die Welt, mir wird klar, was mein Leben ist, dass es nur das Herumsitzen in der Schule ist, in meinen schwarz-roten, klobigen Schuhen mit der viel zu breiten Zunge, die gerade Mode ist, dass ich in der Schule in meiner Furcht sitze, der Furcht davor, dass man die Schönheit sieht, und auch in meiner Hoffnung sitze, der Hoffnung, dass man die Schönheit sieht, und ich merke, zu Julian rennend, dass ich mich mehr vor der Hoffnung fürchte, gesehen zu werden, als vor der Furcht, und ich merke, dass ich ein Sprechen für meine Familie habe und ein Sprechen für meine Freunde, aber für mich selbst habe ich kein Sprechen, ich habe kein Sprechen, weil ich dann in jedes Wort die Schönheit hineinfüllen müsste, und das ist nicht erlaubt, weshalb, weiss ich nicht, es hat mir nie jemand verboten, aber ich weiss sehr genau, dass es sehr verboten ist, und deshalb, denke ich, zu Julian rennend, ist die Schönheit wie ein zweiter Körper, ein eigentlicher, mein eigentlicher Körper, den ich mir verbiete aus keinem Grund, einfach aus der Furcht vor der Hoffnung, gesehen zu werden, deshalb, denke ich, zu Julian rennend, zerdrücke ich mich im Mund, deshalb also, weiss ich, zu Julian rennend, ist an jedem von meinen Wörtern ein bisschen Lüge dran und deshalb muss ich und müssen die anderen jeden Satz mit Ich anfangen, weil sie sich selbst verbieten, ich weiss also, denke ich, endlich, zu Julian rennend, die Schönheit wie ein bösartiges, flüssiges Stück Stein spürend, ich weiss gar nicht, was ich weiss, ich weiss nur das Zauberwort, das ich Julian auf das Zettelchen geschrieben habe und das ich ihm jetzt in den Briefkasten schiebe.


Dominik Holzer
ist Gewinner der zweiten TREIBHAUS-Wettbewerbsrunde 2015. Er ist aufgewachsen in Ostermundigen bei Bern, ging dann in Winterthur aufs Gymnasium und studiert seit 2012 Germanistik, Theater- und Filmwissenschaft in Zürich und Bern. Dominik Holzer lebt in Zürich.