Die Banalität des Guten

P.M.: Manetti lesen oder Vom guten Leben. Hamburg: Edition Nautilus, 2012.

Die Banalität des Guten

Literatur ist ein Reich des Bösen. Normalerweise suhlt sie sich in tragischer Ausweglosigkeit, himmelschreiendem Unrecht, gnadenloser Gier, bitterer Armut, galoppierender Naturzerstörung, qualvollem Herzweh. Aber muss das so sein? «Warum müssen sich Romane überhaupt mit Problemen befassen?», fragt P.M. in seinem neuen Roman ketzerisch-­kokett. Der 68er und 80er Autor, der mit dem Pseudonym ­seine bürgerliche Existenz als Gymnasiallehrer tarnte, tritt nun – nach seiner Pensionierung – immerhin mit Foto neben dem Klappentext auf. P.M. hat seit seinem Underground-­Epochenwerk bolo ´bolo (1983) eine Fülle von Essays, Spielen und Romanen verfasst. Soeben ist – ebenfalls in der Edition Nautilus – unter dem Titel Kartoffeln und Computer eine schlanke Quintessenz seiner alternativen Gesellschaftsentwürfe erschienen.

Der Roman Manetti lesen kommt hingegen zunächst durchaus als eine Art Krimi daher. Es klingt wie ein Tagtraum der «Rechten»: Etwa 500 Linksintellektuelle aus dem Raum Zürich sind spurlos verschwunden, nachdem sie das Kultbuch des verstorbenen Autors Roberto Manetti gelesen haben. Psychovirus oder geheimnisvoller Subtext? Der Ich-Erzähler Paul Meier macht sich auf die Suche nach den Verschollenen und schlingert in eine Weltreise, die ihn in ein brandenburgisches Herrenhaus, in Luxuswohnungen an der Place des Vosges, in der Lissabonner Alfama und in Manhattan führt. Er begegnet unzähligen Cüpli-Sozialisten, einer «Generation der lebenden Toten», mit der er über Sloterdijk, Robert Walser, Houellebecq, Glücks­forschung und Ray Kurzweil philosophiert, bis er schliesslich im tiefsten Brasilien ein «ökosoziales Gesamtkunstwerk» entdeckt, das ebenso gut auf dem Militärflughafen Dübendorf gebaut ­werden könnte.

Manetti lesen ist ein selbstironisches Spiegelkabinett einer linken Szene. Abgesang und achselzuckende Unverdrossenheit: «Kaum hat einer mal eine gute Idee, wird er schon als Utopist abqualifiziert.» Eigentlich verwunderlich, dass P.M. kein Diogenes-Autor ist. Er schreibt so schnörkellos und unterhaltsam wie Martin Suter, nur etwas charmanter und gescheiter. Natürlich, es fehlt an Drogenexzessen (wenn auch nicht an gutem Wein), Liebesverstrickungen und Machtintrigen. Weder ein dämonisches noch ein banales Böses blitzen auf. Nur ein ratloses, bequemes und manchmal etwas gelangweiltes Gutes. Ein wohl­tuender Antithriller, der sich von realistischen «Aber-die-Welt-ist-schlecht!»-Unkenrufen nicht aus der Ruhe bringen lässt.