Das Kalb sind wir

Peter von Matt: Das Kalb vor der Gotthardpost. Zur Literatur und Politik der Schweiz. München: Hanser, 2012.

Das Kalb sind wir
Ein Meisterwerk, dieses Buch. Poppig aufgezogen und präzise auf den Punkt geschrieben. Mit scharfer Klinge schlachtet Literaturprofessor Peter von Matt in seiner Textsammlung das verängstigte Kalb vor der Gotthardpost, das sich dem Fortschritt verweigernde Ich in uns allen, die wir Schweizer sind. Rudolf Kollers Kalb vor der Gotthardpost, 1873 gemalt, als Geschenk für Alfred Escher gedacht, der mit seiner Gotthardbahn das Ende der Postkutsche einläutete, ist Ausgangspunkt für eine rasante Reise durch die schweizerische Gesellschaft und Politik der letzten Jahrhunderte, von der Geburt allgegenwärtiger Mythen des Landes bis ins Jetzt, die moderne Schweiz, die sich an der Nabelschnur der Eidgenossenschaft zuweilen stranguliert, bis die Luft wegbleibt. Höchst kenntnisreich, entlang eines literarischen 

Kanons, von Albrecht von Haller über Jeremias Gotthelf bis zu Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, beschreibt von Matt den Aufstieg des widerborstigen Berglers zur Landesideologie. Und räumt radikal mit derlei Mythen auf, indem er den Bogen in ihre Gegenwärtigkeit schlägt: «Noch immer kommen sich Leute, die stadtnah und an bevorzugter Lage in angenehmen Villen leben, als geborene Bergler vor, spielen im Nadelstreifenanzug den politischen Wurzelsepp und werden dafür von den anderen synthetischen Berglern begeistert beklatscht.» Ein Satz, den kein Poetry Slammer besser hinbekommen hätte.

Einseitig ist von Matt aber nicht. Zerlegt er Schweizer Mythen, zielt er auch auf linke Intellektuelle, wie zum Beispiel im Essay «Das nationale Symbol der postheroischen Gesellschaft». Angesichts der Tatsache, dass mit Johanna Spyris Heidi die Hauptfigur aus einem «sentimentalen Kinderbuch» zum Symbol der Schweiz werden konnte, fragt von Matt listig: «Hat sich die Patriotismuskritik der Schriftsteller und Künstler gelohnt, wenn am Ende nur noch die intellektuelle Leere hinter einem Stück Kitsch übrigbleibt?»

Peter von Matt ist ein modernes, süffiges Buch gelungen, Pflichtstoff für den Geschichtsunterricht. Allein schon wegen seines leidenschaftlichen Plädoyers, den Dialekt und das Hochdeutsche als sprachliche Einheit zu begreifen, das eine (angebliche Muttersprache) nicht gegen das andere (angebliche Fremdsprache) auszuspielen, an letzterem aber dringend wieder mehr zu schleifen. Weil wir stolz auf unsere helvetische Diglossie, also das Nebeneinander zweier gleichwertiger Sprachen, sein können. Peter von Matt schafft, was nicht viele schaffen, die sich mit Schweizer Geschichte beschäftigen: den ganzen alten Schweizer «Stolz» (Wilhelm Tell, einem dänischen Märchen entsprungen; die Neutralität, von aussen aufgezwungen usw.) komplett in Trümmer zu legen, um daraus zeitgemässen Stolz zu formen. Auch wenn die letzten drei, vier Essays abgehangene Füllstoffe sind: unbedingter Lesetip!