«Der Menschenrechtsrat
ist eine absolute Null»

Was macht eine Kämpferin, die resigniert? Ein Buch schreiben.

«Der Menschenrechtsrat ist eine absolute Null»
Carla Del Ponte, photographiert von Laura Clavadetscher.

«Was habe ich mit Literatur zu tun?», fragt Carla Del Ponte, die als Juristin jahrzehntelang für die Menschenrechte gekämpft hat, und verwirft protestierend die Hände. «Nichts!» Dieses eine Wort macht die Prioritäten der gebürtigen Tessinerin unmissverständlich deutlich. Vor wenigen Monaten ist ihr Buch «Im Namen der Opfer» (Giger) erschienen, wurde innert kürzester Zeit zum internationalen Bestseller. Die Opfer der Kriegsverbrechen in Syrien, in deren Namen sie spricht, haben bis heute keine Gerechtigkeit erfahren. Ich sitze der ehemaligen Mafiajägerin und Chefanklägerin gegenüber, die, obwohl sie keine Autorin sein will, ihrem Engagement diese neue Form gegeben hat.

Frau Del Ponte, Sie sind im Oktober 2017 als UNO-Sonderberichterstatterin für Syrien aus Protest zurückgetreten. In Ihrem Buch steht, Sie seien fest entschlossen gewesen, einen «Höllenlärm» zu machen, den man bis nach New York hörte.

Ja, und das habe ich auch. Aber nichts ist geschehen. Einige Tage ging das durch die Presse, dann nichts mehr.

Ihre Arbeit in Syrien haben Sie als «Niederlage» bezeichnet, der internationalen Gemeinschaft kollektives Versagen vorgeworfen. Was hätte geschehen müssen, damit es zu einer Lösung für Syrien kommt?

Russland und Amerika könnten ohne weiteres ein Friedensabkommen in Syrien erreichen, aber natürlich geht das nicht, denn Russland unterstützt Assad und die Vereinigten Staaten sind gegen ihn. Wenn sich die Einzelstaaten einig wären, dass sie Frieden für Syrien wollen, müsste man verhandeln. Auch mit dem Präsidenten – wie man es in Jugoslawien gemacht hat. Der Frieden ist auch Milosevic zu verdanken. Später haben wir ihn natürlich vor Gericht gebracht (lacht). Das könnte auch für Assad gelten.

Was hoffen Sie, dass Ihr Buch bei den Lesern und in der öffentlichen Wahrnehmung bewirkt?

In erster Linie habe ich es aus Frustration geschrieben, um mich von dieser Situation zu befreien. Fünf Jahre habe ich mich für die Opfer dieses Kriegs eingesetzt und absolut nichts erreicht. Sie fragen, was dieses Buch bewirken kann. Mir ist wichtig, dass etwas bleibt: Es ist jetzt aufgeschrieben und es bleibt. Die Leser sollen wissen, wie es in Syrien wirklich ist. Was ich ebenfalls erreichen wollte, war, dass die UNO etwas unternimmt: Der UN-Menschenrechtsrat ist eine absolute Null. Mehr als die Hälfte der Mitgliedsstaaten verletzen die Menschenrechte. Was macht die Schweiz in diesem Gremium? Das ist alles nur Blabla.

«Nach allem, was wir historisch durchgemacht haben, haben wir nichts gelernt.»

Am 4. Februar 2011 haben Regimegegner in Syrien zum «Tag des Zorns» aufgerufen – es war der Anfang dieses mittlerweile langjährigen und gewalttätigen Konflikts. Warum halten Sie die Kriegsverbrechen in Syrien, vor allem die des IS, für noch grausamer als die in Ex-Jugoslawien und Ruanda?

Im Jugoslawien-Tribunal hatten wir den Fall eines drei- oder vierjährigen Knaben, der an der Hand seines Vaters vor dem  eigenen Grab stand. Die serbischen Soldaten haben so geschossen, dass die Getöteten direkt in die Massengräber fielen, weigerten sich aber, auf das Kind zu schiessen. Es wurde gerettet. In Syrien werden alle gefoltert und getötet, und es ist eine besondere Art zu foltern, weil man das Opfer am Leben hält, um es länger quälen zu können. Das habe ich so noch nie erlebt. Wir haben im Fall eines zwölfjährigen Jungen ermittelt, der in Syrien geköpft wurde. Auf dem Video sieht man genau, dass dieses Kind weiss, dass es sterben wird. Ein zwölfjähriges Kind! Auch was die jesidischen Frauen betrifft, die wie Ware verschachert oder getötet wurden: diese Täter sind keine Menschen mehr.

Wird es im Nachhinein schwieriger sein als in Ruanda und Ex-Jugoslawien, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen…

Anmassung als Chance

Schreibend immer schön nett sein, mit Kritik nie konkret werden: das Leben als Künstler könnte so leicht sein. Doch Literatur, die aus Gleichgültigkeit oder Pflicht geschaffen wird, langweilt sich selbst zu Tode. Ein Intro zum Schwerpunkt «Zorn und Protest».