Das Kosmopolitische in der Literatur

«Diskurse in die Weite. Kosmopolitische Räume in den Literaturen der Schweiz». Hrsg. von Martina Kamm [u.a.]. Zürich: Seismo, 2010.

In seinem legendären Essay «Diskurs in der Enge» (1970/73) prangerte Paul Nizon die Kunstfeindlichkeit der Eidgenossenschaft an. Er diskutierte darin die Identität spezifisch schweizerischen Literaturschaffens, fragte nach ihren Eigenschaften und den damit auftauchenden Problemen. Wie steht es um diese Identität heute? Was bedeutet sie insbesondere für Schriftsteller, die nicht im Lande geboren sind, aber in einer seiner Sprachen schreiben und das literarische Leben seit vielen Jahren mitprägen? Der Band «Diskurse in die Weite» versucht, auf diese vierzig Jahre alten Fragen vielfältige aktuelle Antworten zu geben. Hugo Loetscher, 2009 verstorben, formuliert den Gegenstand des Buches in seinem Geleitwort so: «Uns charakterisiert nicht eine allgemeingültige Identität, sondern wir sind der Schnittpunkt verschiedener und unterschiedlicher Identitäten. In dem Sinne variieren und bereichern die Schriftsteller, die ihrem Status nach Migranten sind, unsere nationale Identität. Nicht nur Individuen, auch Länder haben ihren Plural von Identitäten.»

Für alle Literaturliebhaber ist lesenswert, was etwa Erica Pedretti, Christina Viragh, Ilma Rakusa oder Melinda Nadj Abonji, Shootingstar des Bücherherbstes 2010, hier zu sagen haben. Und was über sie gesagt wird. Warum? Weil man profunde, oft nachdenklich stimmende Einblicke in Lebensläufe und Sprachbiographien erhält und besser versteht, wie eine bestimmte Art von Schweizer Gegenwartsliteratur, mehr noch: wie Literatur überhaupt eigentlich zustande kommt. Fragen wie «Hat die Mehrsprachigkeit einen Einfluss auf Ihre Literatur?» sind meistens nur Anlässe, um ganze Literatenwerkstätten zu öffnen. Sprache als Thema sei für ihn «immer zentral», sagt Francesco Micieli: «Ja, dass Sprache überhaupt als Auseinandersetzung vorkommt. Hingegen muss sie bei Thomas Mann nicht unbedingt vorkommen. Die Sprache. Sie ist … Er hat sie, sie ist. Fertig.» Nichtmuttersprachler haben sie nicht, und sie sind auch nicht fertig mit ihr. Es zeigt sich, dass Kategorien wie «Fremdheit» oder «Migration» eigentlich immer als beengend und ausschliessend abgelehnt werden und sich niemand gerne zur «Migrationsliteratur» zählen möchte. Massgeblich für die Einschätzung all dieser Schriftsteller, egal woher sie kommen und wie sie sich in der Schweiz durchschlagen, sollte der genaue Blick auf die Poetik ihrer Texte sein und nicht der Blick auf ihre keineswegs nur migrantischen Mehrfachidentitäten – eine Empfehlung, der sicherlich auch viele hier nicht befragte Autoren zustimmen würden. Nicht zuletzt ist «Diskurse in die Weite» ein engagiertes Plädoyer dafür, den Blick für das Kosmopolitische in der Literatur überhaupt zu schärfen – und sich von ihrer staunenswert welthaltigen Vielfalt anregen und verführen zu lassen.