Der Dichter und das Klischee

Warum der Kanon auch nur eine Sammlung von Stereotypen ist. Eine Provokation.

Paul Heyse (1830–1914) ist heute kaum mehr als ein Strassenname in Berlin und München. Zu seiner Zeit jedoch war er einer der berühmtesten Schriftsteller. 1910 erhielt er als zweiter Deutscher (nach Theodor Mommsen) den Literaturnobelpreis. Kaiser Wilhelm II. wollte ihn per Dekret fest im Schulkanon verankern. Theodor Fontane war überzeugt, dass man eines Tages eine ganze Epoche nach ihm benennen würde – so wie man heute noch von der «Goethe-Zeit» spricht. Doch daraus wurde nichts und es steht zu bezweifeln, ob heute überhaupt noch jemand den Namen Heyse kennen würde, hätte man nicht zu Lebzeiten die beiden Strassen nach ihm benannt. Heyse starb 1914 – wenige Monate vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Schon kurz nach dem Krieg war er so gut wie vergessen. Kaum eine Literaturgeschichte erwähnte ihn noch. Auch heute sucht man ihn darin vergebens.

«Wie kommt das?», fragt man sich. «Wie kann so etwas geschehen? Ein so berühmter Schriftsteller, ‹Goethes Statthalter auf Erden›» – (wie ihn die Zeitgenossen nannten) – «geht ‹klanglos zum Orkus hinab›?»

Begibt man sich auf die Spurensuche und durchforscht die Literaturgeschichte, gelangt man zu einem interessanten Befund. Zu seinen Lebzeiten porträtierten fast alle Literaturhistoriker Paul Heyse. Die meisten widmeten ihm sogar mehrere Seiten (inklusive Porträt und Autograph). Doch das, was man liest, ist fast überall das Gleiche. Es ist, als seien lauter kleine «Karl-Theodor zu Guttenbergs» am Werk gewesen. Einer scheint vom anderen abgeschrieben zu haben. Um es zu kaschieren, haben sie nur hier und da die Reihenfolge ein wenig verändert. Die Beschreibungen Heyses und seines Werks setzen sich allerdings aus einem festen Repertoire an nahezu «wörtlich» wiederkehrenden Urteilen zusammen: Heyse sei einer der «fruchtbarsten Schriftsteller», aber seinen Figuren fehle es an «Leben», sein Stil sei «formgewandt», aber «künstlich», «kühl» und «glatt», «aristokratisch», «erotisch» und «antireligiös». Er habe eine «novellistische Begabung», aber keinen Sinn für «Dramatik». Alles in allem zehn Schlagworte, auf die sich das Urteil Heyses in den Literaturgeschichten reduzieren lässt. Das Interessante ist, dass dieses Mosaikbild Heyses von Anfang an da war, das heisst ab der ersten Literaturgeschichte, die ihn erwähnt. Aber nicht nur das: es bleibt auch bis zu seinem Verschwinden gleich. Obwohl Heyse so unglaublich «fruchtbar» in seiner Produktion war und fast jedes Jahr mehrere Werke veröffentlichte, ändert sich an der Darstellung seiner Person und seines Werks über die Jahre nichts. Das ist erstaunlich, denn immerhin handelt es sich hier um einen Zeitraum von annähernd einem halben Jahrhundert. Von aussen betrachtet, scheint Heyse in seiner Entwicklung stehengeblieben zu sein. Die neuen Werktitel werden in den kurzen Abhandlungen zwar immer wieder ergänzt, aber sie dienen letztlich nur als weitere Beispiele ohnehin etablierter Schlagworte. Statt mit echten literarhistorischen Urteilen hat man es bereits zu seinen Lebzeiten mit Stereotypen zu tun.

Heyse ist kein Einzelfall. Betrachtet man die Darstellung anderer Schriftsteller, so stösst man auch dort in der Regel auf Klischees. Selbst die Grossen bleiben davon nicht verschont. Man betrachte nur einmal Goethe und die rückwärtsgewandte Auslegung des Weimarer Dichterfürsten als klassischen Nationalautor. Ganze Epochen werden auf bis heute gängige Topoi verkürzt: die Romantik etwa als «Gegenbewegung» zur Aufklärung und so weiter. All das wird über viele Jahre von Literaturgeschichte zu Literaturgeschichte nahezu unverändert kolportiert.

Natürlich ist das nicht verwunderlich. Bedenkt man, was ein Literaturhistoriker alles gelesen haben müsste, um eine fundierte Literaturgeschichte von den Anfängen bis in die Gegenwart zu schreiben, könnte er erst im Alter Methusalems mit seiner Abfassung beginnen.

Sich selbst zitieren und bestätigen

Doch woher nimmt der Literaturhistoriker eigentlich die Klischees, wenn sie – wie bei Heyse – von Anfang an zu finden waren? Sie scheinen ja keine Erfindung der Literaturgeschichte zu sein. Die Frage ist nicht…