Cold War Kids

Urs Zürcher: Der Innerschweizer. Zürich: bilger, 2014.

Cold War Kids

1979 ist für U., den adoleszenten Tagebuchschreiber, ein besonderes Jahr: Er verlässt die Zentralschweiz und zieht zum Studium nach Basel. Mit Fritz Zorn und Max Frisch in der Tasche hört der naive Jungmann an der Uni erstmals von Foucaux (sic!) und Co., führt seinen privaten «Diskurs in der Enge» und schätzt schon bald die Verheissungen des utopischen Sozialismus. Willkommen also im courant normal des linksalternativen Milieus der 1980er: Erfolglose Studenten notieren ihr Polit- und Liebesleben, erfolglose Philosophen räsonieren über die Zumutungen der Moderne – und erfolgreiche Spitzel füllen damit ihre Fichen! U.s sich zunehmend linksradikal gebende WG steht schliesslich längst unter geheimdienstlicher Beobachtung, hat sie sich doch immerhin zum Ziel gesetzt, das Ende des Kapitalismus in der Schweiz herbeizuführen. 1984 gelingt ihr das, allerdings nicht wie geplant: Das tödliche Opfer ihres ersten und gleich fehlgeschlagenen Bombenattentats stellt sich als russischer Diplomat und Spitzel heraus. Und Moskau glaubt, die USA steckten dahinter. Dann geht alles ganz schnell: Die Sowjets marschieren in Deutschland ein, wenige Wochen später verläuft die Ost-West-Front des Kalten Kriegs zwischen Gross- und Kleinbasel, und unser U. wird vom WG-Chronisten zum Kriegsreporter.

Was wie eine akribisch recherchierte Geschichte eines Jahrzehnts in Tagebuchform beginnt, verzahnt sich in Urs Zürchers bemerkenswertem literarischem Debüt nach und nach mit einer offensichtlich fiktionalen Parallelhistorie. Dass darin gerade die «neutrale» Schweiz und einige Basler Studenten, denen es hier schlicht zu langweilig ist, Ausgangspunkt eines neuen europäischen Kriegs werden, ist zunächst einmal nur eine honorige Schlüsselidee. Das fiktive «Attentat von Basel» und viele andere raffiniert in das Tagebuch eingeschriebene Geschehnisse, die sich bloss einen historisch verbürgten Anstrich geben, sorgen aber nicht nur für hübsche literarische Effekte, sondern bilden über 700 Seiten hinweg eine Folge von logisch nachvollziehbaren Ereignisketten, die in den meisten Fällen bis zum Ende durchdekliniert sind: kaum eine von Zürchers «Justierungen» der historischen Ereignisse bleibt ohne Folge für das zum Teil prominente Personal des Buches. So wird Christoph Blocher etwa von radikalen Nationalisten erschossen, nachdem er angekündigt hat, die SVP «links-national» ausrichten zu wollen, um mit den Sowjets eine Art Sonderfrieden auszuhandeln. Und die Rote Armee treibt aufgrund akuter deutscher Führungsschwäche (Björn Engholm ersetzt den verstorbenen Helmut Schmidt) nicht nur Bayern und Württemberger ins Tessin (!), sondern auch die Zigarettenpreise auf Basels Barfüsserplatz in die Höhe. Das «grosse Ganze» findet seine Erdung – wie hier – stets in U.s Tagebucheinträgen, der «Innerschweizer» liesse sich auch kaum kongruenter erzählen: das raffinierte Spiel mit zwei wenig vertrauenswürdigen Erzählern – dem naiven Chronisten U. und dem reaktionären Spitzel, der das Tagebuch kommentiert, korrigiert und kontempliert – auf drei untereinander rückgekoppelten Ordnungsebenen (Tagebuch, Kommentar und der Hinweis Zürchers, ihm selbst sei ersteres vom Spitzel zugespielt worden) bildet die undurchsichtige politische Konfrontations- und Misstrauensstimmung des Kalten Krieges formal trefflich ab. Es entsteht eine glaubwürdige intertextuelle Fundgrube, in die viele populäre Zutaten des Entwicklungs-, Milieu-, Histo-rien-, Kriegs- und Kriminalromans Eingang finden.

Dass sich der Debütant an dieser Gemengelage nicht übernimmt, liegt zum einen an seinem Werdegang: Zürcher ist promovierter Historiker und lebt in Basel. Zum anderen an der Erzählsituation des Tagebuchs: da kann es noch so hoch zu und her gehen – die doppelten Böden sowie die immer wieder eingestreuten Skurrilitäten und Banalitäten aus dem Leben des U. motivieren nicht nur zur Reflexion über die durchaus anders denkbare jüngere Geschichte der Schweiz, sondern mitunter auch zum herzhaften Lachen. Gut möglich also, dass der Roman in einigen Jahren Kultstatus geniesst – sicher ist er aber die Neuentdeckung des Schweizer Buchfrühlings.