Snobs im poetischen Prekariat

Wer Gedichte schreibt, marginalisiert sich? Ach was! Über Vorurteile, verblassende Zeilen und das, was wirklich zählt: Leidenschaft.

Snobs im poetischen Prekariat
Claire Plassard, zvg.

Als ich an einem bitterkalten Wintertag mit Fieber im Bett lag, schickte mir eine lange nicht mehr gesehene Bekannte eine Whatsapp-Nachricht: «Magst du dich noch erinnern an dieses wunderschöne Gedicht von Friederike Mayröcker, von dem du mir vor Jahren eine Abschrift gemacht hast? Es hat mit einem Flüsschen unter der Erde zu tun und deine Abschrift ist jetzt leider total verblichen. Dabei würde ich es so gerne wieder lesen! Kannst du es mir noch einmal schicken?» Ich konnte mich nicht mehr erinnern, genau dieser Bekannten eine Abschrift von genau diesem Gedicht angefertigt zu haben. Aber ans Gedicht selbst erinnere ich mich sehr wohl. So wie meine Bekannte, die vor einem verblichenen Stück Papier sass und wusste, dass da einmal Verse zu lesen gewesen waren, die sie nun an einem völlig anderen Ort suchen musste. Die materiellen Überbleibsel der Verse waren zwar verschwunden, doch hatten sie Spuren in ihrer inneren Bibliothek hinterlassen. Wie schön: wer ein Gedicht mag, vergisst es nicht. Zumindest nicht vollständig. Sein Rinnsal hat Flussbetten unter der Oberfläche gezeichnet.

Anders steht es um die Dichterinnen und Dichter – ausser sie heissen Friederike Mayröcker. Als Mensch, der Gedichte schreibt, weiss man, worauf man sich einlässt: Poetinnen und Poeten sind das Prekariat des Literaturbetriebs. Carl Spitzwegs Gemälde «Der arme Poet» hustet den dicken Staub einer lange vergangenen Zeit und macht sich dennoch ganz gut als Postkarte auf ihren Schreibtischen (als Warnung?): «Niemand, aber auch wirklich niemand, hat auf euch und eure Gedichte gewartet!» Heutzutage Gedichte zu schreiben und dabei den Anspruch zu stellen, nicht in Vergessenheit zu geraten, geht allenfalls, wenn man eine Wahrnehmungsstörung hat. Gedichte schreiben und davon leben zu wollen, ist so, als ob man als Profifussballerin auch ausserhalb der USA in ausverkauften Stadien spielen möchte: nicht unmöglich, wünschenswert sowieso, dennoch sehr unwahrscheinlich. Persönlich finde ich es ja amüsant, in Bezug aufs Schreiben von Lyrik überhaupt von «in Vergessenheit geraten» zu sprechen. Vergessen zu werden setzt ja voraus, einmal bekannt – oder zumindest gekannt – gewesen zu sein. Viele Menschen, die Gedichte schreiben, kommen aber gar nie an diesen Punkt. Wenn deine Gedichte gelesen und publiziert werden, ist das schon viel. Wenn du dann noch hörst, dass jemand ein Gedicht, das du geschrieben hast, an der Innenseite seines Kleiderschrankes hängen hat, um es jeden Morgen zu lesen, dann muss dir das deinen Narzissmus stellvertretend für all den Reichtum, Ruhm und Ehre, die du in einer anderen Branche hättest einheimsen können, füttern.

Wer Gedichte schreibt, muss Freude daran haben, Kleinigkeiten zu etwas Ausgewähltem und Besonderem zu erheben. Muss Freude daran haben, dass es eine Handvoll Angefixte gibt, die dich lesen wollen. Freude daran, dass es Menschen gibt, die sich in den Ruin stürzen, weil sie in ihrem Kleinstverlag dein Buch herausgeben. Auch und vor allem muss man Freude daran haben, wunderschöne Kleinausgaben von Verrufenen, Verstorbenen und Abgetauchten in den Händen zu halten, die du in den Bücherregalen anderer Lyrik-Freaks findest, so dass ihr euch mit Codewörtern à la «La Loca» (eine ausserhalb einschlägiger Kreise völlig unbekannte amerikanische Poetin) oder «So, Herr Enemy» (eine Zeile aus Sylvia Plaths Gedicht «Lady Lazarus») ein Battle liefern könnt, um aufgeplustert mit fremden Federn eure Eingeschworenheit zu zelebrieren.

Wenn du Gedichte schreibst, gehörst du möglicherweise zu der Sorte Mensch, die sehr viel liest (auch Lyrik!) und sich für ein Zugbillett in eine gottverlassene Gegend ihr letztes Geld zusammenkratzt, um in verwunschenen Friedhofsalleen Blumen und Steine auf den Gräbern des Idols abzulegen oder ein paar Minuten um ein fremdes Haus zu schleichen, in dem eine Heldin mal ein paar Monate gelebt hat. Und gedichtet! Vielleicht hast du ja Glück und andere Lyrik-Nerds machen eines…