Der Laut, ein Hund

Ein Intro zum Schwerpunkt «Auf die Ohren».

Der Laut, ein Hund
Ariane von Graffenried, fotografiert von Michael von Graffenried.

Wir sassen in der Künstlerwohnung des UT Connewitz und trugen Pyjama, als der Journalist anrief. Es war Nachmittag, in Leipzig fiel Schnee. Fitzgerald & Rimini waren auf kleiner Deutschlandtournee und spielten abends im Rahmen der Buchmesse im schönsten Club der Stadt als Amuse-Bouche und Schlussbouquet eines Podiumsgesprächs zum Thema «Europas verlorene Mitte».

«Heute könnte für einmal alles stimmen, was im Leben und auf der Bühne selten der Fall ist», sagte ich zu Robert Aeberhard, dem Musiker und Klangkünstler, mit dem ich seit dreizehn Jahren zusammenarbeite. Der Clubtech­niker verstand sein Handwerk, der Schall war warm und weich wie apulischer Wein, der Raum eine prunkvoll abgewetzte Schönheit. Auch Publikum war zu erwarten, denn grosse Namen sassen auf dem Podium. 

Das Feuilleton sagte mit zarter Stimme, es habe Fragen zum Verhältnis von Musik und Literatur. Und ich geschmeichelt und wohlerzogen: «Ja, bitte, gerne», während Robert sich den Mantel überzog und auf eigene Verantwortung ins Asia Restaurant Goldene Krone begab. Wann Literatur in Musik kippe, hörte ich den Journalisten fragen. «Literatur ist Musik!», hörte ich mich sagen. «Aber wie soll ich Ihnen das am Telefon erklären?» Er sagte nichts. Ich dachte durcheinander:

Das Wort wird im Mund geboren. Die Schrift bleibt stumm, aber im Zeichen ist auch der Laut enthalten, phōnē, der Klang. Der Körper ist das In­strument, die Sprache materiell. Bedeutet, die Schreibende hat sich selbst als Material stets dabei. Als Fleisch, wie Michel Serres es nennt. Das sitzt erschöpft hinter dem Rechner, während der wache Geist versucht, eine gute Figur zu machen. Nicht nur auf dem Papier. Auch in der Rede, la parole, la littérature orale. Ich meine die Verse, die zuallererst geschrieben wurden, um gehört zu werden, der Atem zwischen der Flucht der Wörter, das laute Lesen, die Performance.

«Am besten kommen Sie heute abend an unser Konzert», sagte ich. «Vielleicht, ja, ich versuch es, viel zu tun», antwortet das Feuilleton. Stille. «Wo waren wir?», fragte ich. «Musik und Literatur», antwortet die Stimme geduldig. Und ich: «Bei Musik und Literatur geht es mir wie beim Kurzschwung auf der schwarzen Piste. Wenn ich nicht darüber nachdenke, ist mir der Zusammenhang klar, wenn ich aber darüber nachdenke, weiss ich gar nichts mehr.» Erneut Stille. Dann ein Laut in der Leitung, der Unzufriedenheit suggerierte. Man kann auch Erwartungen enttäuschen, wenn kein Publikum anwesend ist, dachte ich und stammelte: «Der Leib…» Das Feuilleton: «Was ist damit?» Ich antwortete: «Er ist ein geisteswissenschaftliches Problem.» Die Stimme nickte und ich wurde zuversichtlich: «Der Leib leitet den Laut. Aber der stellt sich nicht nur als braves Zeichen in den Dienst des Verstands. Der Laut ist auch ein ungezogener Hund.» «Ein Hund?» «Genau», jauchzte ich. «Und zugleich ein Mantel mit Lammfellfutter. Verkleidung. Der Laut als Hund in drag. Schreiben Sie das!»

«Ich möchte Ihnen nicht schaden, jetzt, wo’s bei Ihnen grad einigermassen läuft», sagte die Stimme Däumchen drehend. «Nehmen Sie Joyce», versuchte ich mich mit wagemutigem Kopfsprung in den literarischen Kanon zu retten. «Finnegans Wake», erwiderte das Feuilleton freundlich und ich tauchte im geheizten babyblauen Bildungsbürgerpool erleichtert auf, schnappte nach Luft: «Vielleicht nicht mehr le dernier cri, aber ein wunderbares Werk, nicht wahr, nu wor auf Osterländisch. Die Welt als aufgespannter Klangraum. Der Sound regiert, der Sinn verliert sich im Fleischwolf. Rhythm is a dancer, Versfüsse steppen, Silben wippen, Worte türmen sich übereinander, schieben sich ineinander, stellen die Ordnung und ihre Werte auf den Kopf, paaren und saugen sich alte Bedeutungen aus. Das alles geschieht in multilingualem Wechselgesang! Sehen Sie, gerade die Polyglossie bietet ja die Möglichkeit…»

«Die Polyglossie sprengt angesichts der beschränkten Zeichenzahl leider den Rahmen des Artikels», unterbrach mich der Journalist und fragte: «Was geschieht, wenn der Sprechgesang mit Musik konfrontiert wird?» Ich jaulte: «Hören Sie, das ist ein Riesenfass, das Sie da au…» In diesem Augenblick betrat Robert den Raum, eine Peking-Ente aus Paunsdorf unterm Arm. Ich reichte ihm den Hörer, er lauschte lange und sprach höflich: «Wenn Literatur und Musik zueinander in Beziehung treten, verschmelzen sie im besten Fall zu einem neuen Ganzen und bleiben trotz Verzahnung eigene Komponenten. Die Grenzen zwischen den Gattungen verwischen, ohne die Gattungen aufzulösen. Das heisst: Eine Geschichte ist dann gleichzeitig ein Gedicht, Lied, Bild.» «Frag das Feuilleton, ob es auf unsere Gästeliste möchte», flüsterte ich. Noch kein Name stand darauf. 

Am Abend wurde die eigene Prophezeiung wahr. Robert spielte Bass, griff die Laute aus der Luft und kratzte sie aus dem Boden, ich erzählte von Europa. Wir verloren unsere vergänglichen Herzen an die Stadt. Das Feuilleton kam nicht. Am folgenden Tag dann ein im Grunde unverdienter Kater.