Meral Kureyshi: «Elefanten im Garten»

Meral Kureyshi:
«Elefanten im Garten»

 

Eine junge Frau, deren Vater gestorben ist. Manchmal kann sie sich kaum mehr an ihn erinnern. Schreibend erinnert sie sich an die Zeit, da Baba, ihr Vater, noch lebte. Und hat Angst, dass er «eines Tages ganz verschwunden sein» wird. Aus ihrer «Erinnerung», aus ihrem «Mund», aus ihrem «Gesicht».

Baba ist 1991 in die Schweiz eingereist und hat die Familie aus dem kosovarischen Prizren nachgeholt; die Ich-Erzählerin war damals zehn Jahre alt. Ein weiteres Buch also aus einer – und über eine – Zuwandererfamilie? Ja. Wieder ist eine Generation mit ihren Migranten erwachsen geworden. Aber diesmal ist es anders. Denn diesmal ist es meine Generation, deine Generation; diesmal werden Geschichten unseres Erwachsenwerdens erzählt.

Trauernd sucht diese junge Frau – mehr zufällig denn geplant – die verschiedenen Stationen auf, über die sie in der Schweiz angekommen ist. Sie sieht plötzlich auf ihrer alltäglichen Busfahrt den Bunker, in dem sie zu Beginn gelebt hat. Sie verpasst den Zug nach Zürich – und fährt nach Neuenegg, wo sie im Asylheim war. Und während ich ihrem Erinnerungsfluss folge, der nicht chronologisch verläuft, sondern assoziativ, lese ich, wie wichtig der rote Mercedes für Baba war, und erinnere mich. An den schokoladenbraunen Chevrolet der Familie Kocsis in «Tauben fliegen auf» – und an den schwarzen Mercedes deines Vaters, in dem ich als Kind das Passivrauchen gelernt habe. Und schon zündet sich Baba wieder eine Zigarette an.

Je länger ich der Ich-Erzählerin folge, desto glücklicher bin ich, dass du ein paar Jahre früher in mein Land, in unser Land gekommen bist, über andere Stationen und Wege. Ich versuche dann, die Erzählerin zu erkennen, und verliere mich im Netz ihrer Geschichten. Dieses spannt sich auf zwischen denen aus Prizren, wo die Mutter noch kein Kopftuch trägt und das Mädchen mit seiner Freundin Gül in die Schule geht, und denen aus der Schweiz; hier ist die kurzhaarige Mutter der Freundin Sarah allergisch auf Zigarettenrauch und Baba muss den Führerschein nochmals machen und das Asylverfahren dauert dreizehn Jahre. Die Kinder verspotten sie, weil sie kein Telefon hat, und der Lehrer versetzt sie nicht. Und trotz all diesen Geschichten finde ich immer nur die Trauer um Baba, gefasst in eine Sprache, die ihre ist – diese meine Sprache, die sie sich als Jugendliche auf der Achterbahn aus dem Kopf zu schreien versucht, die «wie eine Krankheit» ist und die dennoch zu ihrer «Muttersprache» wird. Und ich denke an dich, die du einig bist mit mir, dass diese unsere Sprache nie annähernd das transportieren kann, was deine Sprache auszudrücken vermag, die so viel Herz trägt, dass sie die Härte der Worte zärtlich machen kann und weich.

Weiter folge ich ihr, wie sie aus ihrem «Leben genommen [und] in ein anderes Leben fallen gelassen» wird und sich «umpasst», bis sie in ihr erstes Leben nicht mehr «reinpasst». Und ich frage mich, ob es für dich dasselbe Fremdsein ist, denn ich weiss, dass du auch Geschichten von Kindern und Lehrern und Aufnahmeverfahren erzählen kannst. Und ich denke, du bist eines…

«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»