Sommerloch
Olga Lakritz, zvg.

Sommerloch

«Immer im Sommer versucht Larissa sich umzubringen.»

 

Immer im Sommer versucht Larissa sich umzubringen. Wenn die Tage länger und träger werden, die Hitze die Häuser­dächer eindrückt und die ganze Stadt am See und im Wasser, in den Freibädern und auf den Dachterrassen ist, liegt Larissa zu Hause und versucht, die Langweile dieser Zeit bis aufs Blut zu bekämpfen.

Unter ihrem Fenster auf den Pflastersteinen der Altstadt schwirren die Tauben und entlaufenen Hunde, hinter den Schaufenstern stehen die alten Möbel; sie riecht ihren eigenen Schweiss. Worauf soll man sich im Sommer auch konzentrieren, denkt sie sich. Keine Schule, keine Menschen, kein gar nichts, was sie ablenken würde von diesem Loch in ihr drinnen, dort im Brustbereich. Sie fährt sich durch die kurzen Haare, vor dem Spiegel steckt sie sie mit ein, zwei Klammern zurück, verzieht eine Grimasse und schmeisst sich wieder aufs Bett.

Immer im Sommer versucht Larissa sich umzubringen, ohne dass die Mitbewohnerinnen es mitkriegen, ohne dass ihre Mutter währenddessen anruft und sie davon abhält, ohne dass sie dann doch ein paar Stunden später im Krankenhaus wieder aufwacht. Immer im Sommer, wenn die Tür hinter ihr ins Schloss fällt, sie durch die Küche in ihr Zimmer stolpert und ihre Tasche in die Ecke wirft, bleibt ihr Blick an der Nagelschere oder dem Rasierer, an anderen spitzen Gegenständen hängen und sie überlegt, ob heute wieder ein Tag ist, an dem sie es versucht.

Jetzt, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, während niemand zu Hause ist, wägt sie ab, wann die anderen zurückkommen und ob morgen nicht doch ein Tag ist, den sie erleben möchte. ­Obschon sie weiss, dass auch morgen nur ein Tag sein wird, an dem sie in einem ihrer langen Röcke oder Kleider durch diese Kleinstadt gehen wird, sich vielleicht mit Freundinnen an den See setzen wird, nur um sich so schnell wie möglich ihrer Kleider zu entledigen und ins Wasser zu kommen: So schnell wie möglich, damit niemandem auffällt, dass ihre Schultern zu breit, ihre Oberarme zu fett sind. Dass sich ihre Haut unter der Sonne rot färbt und ihr Bauch viel zu weit hervorsteht. Darunter die Oberschenkel, die bei jedem Schritt hin und her schwappen.

Immer im Sommer versucht Larissa, die übrigens nicht dick ist, sich umzubringen. Wenn sie dasitzt zwischen den Freundinnen mit ihren langen Haaren und umwerfenden Lächeln und flachen Bäuchen, in Gespräche über Feminismus vertieft, sagt sie nichts, sondern fragt sich, was ihr eigentlich fehlt, um endlich zu sterben. Wenn die anderen sagen: aber du bist doch schön, denn alle sind schön, oder wenn sie sagen, dass Schönheit ein patriarchisches Konstrukt sei, dass sie sich nicht den Schönheitsidealen beugen sollte, sagt sie: Ja, ich weiss.

Aber das gilt für alle anderen, nicht für sie. Larissa kann jeden Menschen schön finden, nur sich selbst nicht. Wenn sie später durch die Secondhandläden streift und vor den anderen Menschen zurückschreckt, sich auf dem Nachhauseweg verläuft, weil sie auch nach zwei Jahren in dieser Stadt ständig die Orientierung verliert und bei jedem kleinen Geräusch zusammenzuckt, fragt sie sich, ob das Kleidungsstück, das sie…

«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»