Der Welt einen Namen

Daniel Mezger: Land spielen. Zürich: Salis, 2012.

Der Welt einen Namen
Das kommt nicht gut. – Das Paar mit den drei Kindern hat ­einen Kredit aufgenommen, um ihr Leben in eine Bruch­bude auf dem Land zu verlegen und diese behelfsmässig zu ­renovieren. Sie wollen Hühner, Schafe und Kühe – dank Anleitung eines Buches gelingt es ihnen gar, die Tiere zu ernähren. «Wir sind fünf. Wir werden fünfeinhalb. Das können wir nicht wissen, wir können nicht einmal wissen, dass wir es nicht wissen wollen.» – Oh, aber wir Leser wissen es. Das «Wir», die heilige Familie, die Einheit von fünf muss sterben, denn «Einheit» gibt es nur in ganzen Zahlen.

Zunächst jedoch kolonisieren die Städter geradezu manisch ihr neues Zuhause. Sie taufen Räume «Wohnzimmer» und Haselzweige «Hecke». Endlich – endlich ein neues Projekt und das Leben geht nicht «immer so weiter, genau so». Die Provinz, das gelobte Land als Heilsversprechen: aus diesem populären Spiel wird schnell Arbeit, und noch schneller sind die ­finanziellen Mittel ausgereizt. Der Ofen müsste repariert werden und spätestens dabei hilft dann auch das Ofenbaubuch aus der städtischen Leihbibliothek nicht mehr. Also wird es verbrannt.

Es ist ein langsamer Tod und er beginnt mit dem portionierten Verrat am «Wir», mit scheinbar harmlosen Heimlichkeiten: mit einer Zigarette in der Pause, die man der dementen Patientin klaut; mit Niederlagen, die man nicht (mit)teilen will, weil «Wir» nur die Spiele mögen, bei denen alle gewinnen können; mit Schlägen auf dem Pausenplatz, gegen die man sich nicht mehr wehrt, weil sie Ausdruck der Zuneigung sind, und mit ­einer von vielen tröstenden Umarmungen, die dann doch plötzlich etwas zu lange ausgefallen ist. «Was nicht ausgesprochen wird, das gibt es nicht. Da kann man lange spazieren, kann sich lange umarmen, man wüsste zwar eigentlich längst, woran man ist, aber dennoch ist es nicht in der Welt.»

Sprache und Welt. Ersteres erschafft Letzteres. Das «Wir» wird durch Sprache tätig hergestellt: «die Älteren von uns», «die Jüngeren von uns», «alle von uns». Die Grenzen sind klar gezogen, das Bedrohliche bleibt unausgesprochen draussen vor der Tür – bis das Klopfen nicht mehr zu überhören ist.

Die Sprache ist es, die diesen Roman zu einem Hochgenuss macht. Daniel Mezger exerziert den Zerfall des Kollektivs in Land spielen unaufgeregt, humorvoll und sprachlich präzise. Gleichzeitig begleitet er seine Figuren loyal in ihrem Scheitern, Herren der Lage und damit der Sprache selbst zu sein.