Ein Messer, ein Feuer und viele offene Fragen. Von der realen Tragweite ethischer Konflikte

Der Siegertext des Premio Pusterla Junior 2018.

«Klick», der Schlüssel dreht sich, die Badezimmertür ist verschlossen. Allein um vier Uhr nachts, alles dunkel. In seinem Kopf ertönt das Klirren der scharfen Klinge, das Messer im Bauch – das Telefon zur Hand. Der Anruf wird von der Notrufzentrale innert Sekunden entgegengenommen. Eine tiefe Stichverletzung habe er sich zugefügt, ja, aber er wolle keine Hilfe. Die Drohung, sich anzuzünden, falls trotzdem Hilfe käme. Der Anrufer legt auf.

Was nun? Wie handeln? Für langes Nachdenken und Abwägen bleibt der Notrufstelle keine Zeit. Sanitäter und bewaffnete Polizisten machen sich auf den Weg und stürmen das Haus des Anrufers. Das leise Zischen des Zündholzes, als es entfacht wird, ist kaum hörbar. Die letzte Möglichkeit für die Rettungstruppe, sich wieder zurückzuziehen. Retten oder nicht retten? Die Autonomie des Patienten wahren und ihn seiner eigenen Entscheidung überlassen oder Gutes tun und versuchen, einen Menschen vor sich selbst zu schützen? Ein Moment der Unsicherheit, dann bricht das Feuer aus.

Im ersten Jahr studiere ich Medizin und schon kommen mir solche grossen Fragen wie Monster entgegengesprungen. Man soll sich mit ihnen beschäftigen und sie in ihrer Vielschichtigkeit erkennen. Im ersten Moment bin ich vom Fall von Herrn Novak betroffen, schockiert, in gewissem Masse erschüttert und kann ihn nicht verstehen. Wie schlecht muss es einem Menschen gehen, dass er sich Schaden und Schmerz in diesem Ausmass zufügt? Widerwillig bemerke ich, wie sich meine Bestürzung mit einer scheuen Faszination paart. Ist es genau diese Komplexität des Falles, die mich reizt, mehr über Herrn Novak zu erfahren? Vor meinem inneren Auge sehe ich das Geschehen mit all seinen Hintergründen in vielen einzelnen Schachteln verpackt, die sich ineinander verbergen und nur darauf warten, geöffnet zu werden. Mein Interesse ist geweckt und ich beginne auszupacken.

Für Frau Gerber in der Notrufzentrale sind solche Anrufe nichts Ungewöhnliches, aber trotzdem überkommt sie jedes Mal aufs Neue ein beklemmendes Gefühl. Was tut man, wenn der Anrufer seinen Suizidversuch zwar offen darlegt, jedoch droht, sich noch mehr Schaden zuzufügen, falls ein Rettungsversuch stattfinden sollte? Was ist Herrn Novaks Wille? Schon eine Stichverletzung im Bauch führt meist zu lebensgefährlichen Komplikationen. Kämen auch noch schwere Verbrennungen hinzu, wäre das Sterberisiko massiv erhöht. Sollen diese Verbrennungen durch eine Rettungsaktion wirklich provoziert werden? Damit würde man dem Mann, falls er seine Drohung wahrmacht, noch mehr schaden und zudem seine Autonomie missachten. Für Frau Gerber ist erst die äusserste Schachtel sichtbar, erst das Bild, das Herr Novak willentlich von sich selbst entwirft. Hintergründe der Tat sind ihr nicht bekannt. Die vier ethischen Prinzipien «Wohltun», «nicht schaden», «Gerechtigkeit» und «Autonomie», an denen man sich orientieren sollte, um die ethisch richtige Entscheidung zu treffen, sind wie Stahlseile ineinander verlötet und widersprechen sich. Ich bin froh, nicht in Frau Gerbers Haut zu stecken. Sie entscheidet sich dafür, die Polizei zu informieren, welche gemeinsam mit dem Sanitätsteam ausrückt und die Wohnung von Herrn Novak stürmt. Dieser übergiesst sich mit Benzin und zündet sich an. Obwohl er sofort von der Polizei gelöscht wird, lassen sich schwerwiegende körperliche Schäden nicht verhindern. Herr Novak wird mit…