Eine alte Geschichte

Claus Helmut Drese: Monsieur Simon Simon. Ein europäisches Leben. Zürich: NZZ Libro, 2011.

«Ein Jüngling liebt ein Mädchen, die hat einen anderen erwählt», dichtete Heinrich Heine – und liefert damit die Antwort auf die Frage, warum der im Februar 2011 verstorbene Claus Helmut Drese eine eher halbherzige Biographie über «Monsieur Simon Simon» verfasst hat. Natürlich hat Sigismond Simon alias Pelzhändler Schwarz alias Baron von Stern, oder wie Simon Simon in seinem hundertjährigen Leben auch hiess, ein Buch als Zeugnis seines abenteuerlichen Lebens verdient. Statt allerdings Zeitzeugenberichte wiederzugeben, erfand Drese als Rahmenhandlung kurzerhand fiktive Tonbänder, von einem hinfälligen Simon in seinen letzten Lebensmonaten besprochen, während seine Frau herumwieselt, um ihn mit gutgemeinten Sprüchen und nie versiegenden Alkohol-Zuteilungen auf Trab zu halten Eine europäische Persönlichkeit, die in St. Petersburg, Berlin, Wien und Paris lebt und in Zürich ein spätes Zuhause findet, eine Persönlichkeit, die Russische Revolution, Verdun, Gestapo-Verfolgung und Mitgliedschaft in der Résistance erlebt, am Berliner und Pariser Kulturleben aktiv teilnimmt und lebenslang ein Förderer und Freund von Ballett und Operette ist – und um diesen reichen Erfahrungsschatz zu erzählen, werden leiernde Tonbänder hinzugedichtet! Ein Viertel des Buches, Anfang und Ende jedes Kapitels, verwendet Drese, um vom greisen Simon zu erzählen, der vergilbte Briefe präsentiert – dem Tonband? –, und noch viel lieber von dessen Frau Ingeborg, die das Mikrophon zurechtrückt.

Um es deutlicher zu sagen: der ehemalige Zürcher Opern­direktor Drese kannte, verehrte, vergötterte Ingeborg Fanger, die inzwischen ebenfalls verstorbene Zürcher Operettensängerin. Ingeborg aber erwählte Simon Simon – und der entbrannte Claus Helmut verstand es, kultiviert zu kompensieren: als umtriebiger Mann der schönen Künste schrieb er eine Biographie über Ingeborgs Gatten mit Betonung auf Ingeborg, konnte viele Tage im Haushalt der Fanger verbringen sowie beim Abtippen in der stillen Kammer eine Menge Herzblut vergiessen. Natürlich fehlt dergestalt das Feuer für Simons Erlebnisse, die Erzählperspektive wechselt zu oft und schliesslich schleicht sich auch noch eine unachtsame Monotonie des Stils ein. Herausgekommen ist keine Biographie Simons, sondern eine Ode an die Fanger aus dem einen legitimen Grund: «Ein Jüngling liebt ein Mädchen…»