Alles ist möglich – jederzeit!

Pablo Haller: Südwestwärts 1 & 2. Mainz: gONZo, 2013.

Alles ist möglich – jederzeit!

Ich kenne Pablo Haller seit knapp zwei Jahren. Man kann auch sagen: ich habe ihn gefunden. Damals las ich seinen Artikel über den amerikanischen Beat-Literaten Ira Cohen und dessen Schweizaufenthalt. Ich stiess damit auf wenig geteiltes Interesse in meinem Freundeskreis, befand mich allein auf weiter Road also, bald auch mit meinem Exemplar von Jack Kerouacs Schlüsselwerk in der Hand. Ich traf Pablo, der schon mit 22 zum schweizweit bekannten Experten der «Beats» avancierte, kurz darauf zum Beschnuppern, später sahen wir uns immer wieder zu Gesprächen. Er nippte dann jeweils lässig am Bier und bombardierte mich mit Namen wie Ploog, Wondratschek und Weissner – welche ich wissbegierig aufsog und im Zug nach Hause nachgoogelte, wenn ich die Namen nicht schon vom Hörensagen kannte. Man spürt nicht nur in solch bierseligen Momenten, dass Pablo Haller ein «mad one» ist, einer, der niemals gähnt, stattdessen brennt, brennt, brennt. Mit seinem aktuellen Werk «Südwestwärts 1 & 2» bestärkt Haller den Eindruck, dass auch die Beat-Literatur in der jungen Schweizer Schreibszene ihren Platz und in ihr ihre beste Referenz hat. In seinem Road-Poem bilden Sehnsüchte den Rahmen für lyrische Fetzen aus Verzweiflung und Wut, die einem mit einer solchen Wucht ins Hirn springen, dass es schier körperlich weh tut. Das Wilde manifestiert sich dabei nicht selten in Körpern, die Sex haben oder gern hätten. Hallers süffige Collagen sind thematisch gerahmt von Alpendurch- und -überquerungen, Zug- und Schiffsfahrten nach Tanger (von Luzern gesehen eben: «südwestwärts») oder sonstwohin. Der Leser wird entführt in die Welt von Hallers Reisen, in die Welt in Hallers Kopf. In und zwischen den Zeilen seines Buches finden sich aber auch unzählige Referenzen an andere Autorenköpfe, an William S. Burroughs etwa, Michel Houellebecq oder Raymond Chandler. Dass Haller diese Legenden aber nicht kopiert, seine eigene Sprache niemals verliert, macht ihn heute mit 24 zu dem, was man einen Schweizer Beat-Schriftsteller nennen kann. Bei einem unserer Gespräche fragte ich ihn, ob er nie habe studieren wollen, wie man Bücher schreibe. «Ich studier’s ja jeden Tag!», war seine Antwort. Ob er nie viel Geld verdienen wolle, statt mit Matratze von Freundeswohnzimmer zu Freundeswohnzimmer zu mäandern. «Ich hab ja immer genug!» Das bleibt hoffentlich auch künftig so.
Mit diesem Gedanken klappe ich nun, elektrisiert wie nach einer etwas zu langen Nacht im Club – und angenehm zittrig wie nach zu vielen Zigaretten in zu wenig Zeit –, die Buchdeckel von diesem 122-Seiten-Band zu. Und lasse den letzten Satz noch lange nachhallen: «Alles ist möglich – jederzeit.»