Aufruhr im Bergdorf

Andrea Weibel: Steinherz. Muri bei Bern: Cosmos, 2012.

Aufruhr im Bergdorf

Lilia hat es nicht leicht im Leben. Sie ist siebzehn, schon das ist eine Zumutung. Denn damit ist sie noch nicht volljährig – und kann folglich nicht allein entscheiden. Hinzu kommt, dass sie in einem Kaff im Wallis bei ihrem Vater Peter, einem Eigenbrötler ersten Ranges, lebt und in der dortigen Dorfschule auch noch einem Trottel von Lehrer ausgeliefert ist. Erst als die junge Sofie aus Zürich die Alphütte von Peter für die Sommermonate mietet, um in aller Ruhe und Abgeschiedenheit an ihrer Uni-Abschlussarbeit zu schreiben, wird der Staub im Walliser Bergdorf gehörig durcheinandergewirbelt. Sofie ist die Schwester von Evi Kellerhals und die wiederum war mal eine Schulkollegin von Lilias Mutter (die übrigens in Lausanne lebt). Dass Evi ihre Schwester aufsucht, erfreut jene nicht gerade. Als erstere dann auch noch davon spricht, wie das Erbe des Vaters – der notabene noch gar nicht tot ist – am besten aufzuteilen und zu verwalten sei, kann Sofie nur noch staunen. Beziehungsknatsch hat Sofie eigentlich schon genug mit ihrem Freund Frederik, der deshalb daheim in Zürich zurückgeblieben ist. Meint sie. Doch auch Frederik taucht auf der Alp auf… Als dann Evi spurlos verschwindet, ist das Chaos perfekt. Sowohl Frederik wie Evis Ehemann vermuten, dass Sofie ihre Schwester aus dem Weg geräumt hat, denn schliesslich hätte sie allen Grund dazu gehabt, nachdem Evis Erbteilungsvorschlag darauf hinauslief, dass Sofie zugunsten ihrer Schwester verzichtet. Lilia ihrerseits ist nicht nur begeistert, was plötzlich in diesem langweiligen Wallis passiert, sie ist auch überzeugt, dass alles ganz anders sein muss. Und sie entwickelt einen ungeahnten kriminologischen Spürsinn.

Andrea Weibel hat mit «Steinherz» einen witzigen Kriminalroman geschrieben, den sie in der teils unwegsamen Gegend der Lötschberg-Südrampe angesiedelt hat, wo durchaus jemand verschwinden kann, ohne Spuren zu hinterlassen. Die Autorin spielt gekonnt mit den Zuschreibungen an die dortige Bevölkerung, sie nimmt die Probleme einer Jugendlichen auf, die sich zwischen ihren getrennt lebenden Eltern zurechtfinden muss. Mit Sofie taucht eine Frau auf, die zum einen Bewegung ins Tal bringt, zum anderen sogar den Langweiler-Vater aus seiner Reserve zu locken vermag, und mit Evis Verschwinden wird es sogar noch so richtig spannend im Dorf. Mehr kann sich auch Lilia nicht wünschen. Dass Andrea Weibel die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive von Lilia und Sofie erzählt, ist ein geschickter literarischer Kniff und lässt der Autorin die Möglichkeit, ihr erzählerisches Können in verschiedenen Nuancen auszubreiten.