«Ich werde euch zeigen, dass das geht, ihr Narren!»

In neun Stadien zum Schriftsteller: Thomas Meyer mahnte seinen Vater schon als 5jähriger schriftlich ab, schrieb später einen der allerersten Blogs und gewann vor wenigen Monaten den Schweizer Buchpreis. Jedenfalls beinahe.

«Ich werde euch zeigen, dass das geht, ihr Narren!»
Thomas Meyer, photographiert von Michael Wiederstein.

Stadium 1 – Mami, was ist das?

Seit ich mich erinnern kann, üben Buchstaben einen enormen Reiz auf mich aus. Die Tatsache, dass diese Zeichen spezifische Laute bedeuten, man sie miteinander kombinieren kann und daraus Wörter entstehen, die wiederum zu Sätzen zusammen­gefügt werden und damit Menschen erfreuen oder verärgern können, begeisterte mich schon früh. ­Andauernd wollte ich von meiner Mutter wissen, wie die einzelnen Zeichen hiessen, wie man sie also aussprach; und umgekehrt, wie man bestimmte ­Laute schrieb. «Mami, was ist das?», fragte ich wieder und wieder. Sie erklärte es mir geduldig und legte mir ein ebenso aufregendes wie mächtiges Instrument in die Hand. Bald war ich in der Lage, THOMAS zu schreiben sowie MAMI und PAPI.

Eines Tages stritten sich meine Eltern. Sie taten das oft, was ich nicht schätzte, doch meine münd­lichen Ermahnungen, die lästigen Diskussionen einzustellen, wurden nicht erhört. Ich musste also zu anderen Massnahmen greifen und entschloss mich zu einer schriftlichen Mitteilung an die Adresse meines Vaters, der naturgemäss die lautere Stimme besass als meine Mutter – und damit in meinen Augen der Verursacher der Zwiste war. Doch wie ich meinen Text konstruierte, stellte ich erschrocken fest, dass ich nicht wusste, wie man den zischenden Laut SCH schrieb, auch das kratzende CH wusste ich nicht zu formen. Das wesentliche Element meiner Nachricht schien zu scheitern, noch bevor ich sie übergeben hatte!

Aus meinem Kinderzimmer heraus rufend fragte ich meine Mutter, wie man SCH schreibe. Sie rief zurück: «Ein S, ein C und ein H!», und widmete sich wieder ihrer Debatte. Interessant, dachte ich mir, wäre ich nie draufgekommen. «Und das CH?», rief ich. «Ein C und ein H», rief meine Mutter. Zufrieden stellte ich mein erstes Direct Mailing fertig und über­gab es meinem Vater: PAPI DU BISCH ES ARSCHLOCH.

Der Empfänger verstummte und wurde bleich. Er starrte auf den kleinen Zettel und dann zu seinem fünfjährigen Sohn und wieder auf den ­Zettel, den er meiner Mutter übergab. Auch sie wusste mit der Situation nicht so recht umzugehen. Ich ­jedoch war sehr erfreut: Offenbar konnte man mit klar formulierten Textbotschaften so einiges ­bewirken in der Welt.

Stadium 2 – Die anderen Kinder spielen draussen

Ich war stets ein Einzelgänger. Die anderen Kinder wollten nicht mit mir spielen, aber wenn ich ehrlich bin: ich auch nicht mit ihnen. Und so spielten die anderen Kinder draussen, und ich las in meinen ­Büchern, und meine Mutter sagte: «Thomas, geh doch mal nach draussen und spiel mit den anderen ­Kindern.» Ich winkte dankend ab, da ich Ronja, die Räubertochter, viel spannender fand.

Einmal folgte ich dem mütterlichen Aufruf aber und ging nach draussen. Die anderen Kinder verarschten mich; sie sagten, ich müsse bezahlen, wenn ich die Schaukel benutzen wolle, denn die sei dank einer Sammelaktion im Quartier gebaut worden. Ich ging zurück zu Ronja.

Stadium 3 – Ein Wahnsinniger stösst mich in die Deutschkrise

Für meine Aufsätze in der Primarschule bekam ich immer gute Noten, wie überhaupt für alle meine Leistungen. Erfolgsverwöhnt ging ich nach Zürich ans Gymnasium und traf dort auf eine Reihe von Psychopathen, denen eine Reihe von anderen Psycho­pathen irgendwann ein Lehrerpatent erteilt hatte. Der Durchgeknallteste von allen war mein Deutschlehrer. Er war sehr ungepflegt und nötigte uns, ­Gedichte zu rezitieren, wobei er grossen Wert auf die gleiche theatralische Darbietung legte, in der er in seinem löchrigen Jackett seinen Unterricht erteilte.

Ich bekam Prüfungsangst. Meine Noten ­wurden schlecht. Und ich musste unfassbar langweilige Bücher lesen. In besonders schlechter Erinnerung habe ich den Grünen Heinrich. Meine Freude an den Buchstaben wurde trüb. Sollte das die erwachsene Literatur sein? Sätze, durch die man sich regelrecht hindurchkämpfen musste? ­Bücher, die keine Freude stifteten, sondern…