Monique Schwitters Augenblick

Von Tieren und Aposteln: Wie die frisch gekürte Schweizer Buchpreisträgerin schreibt, denkt – und in die literarische Zukunft blickt.

Monique Schwitters Augenblick
Monique Schwitter, photographiert von Peter Peitsch / peitschphoto.com

Am Schluss steht das Bild von den blauen Augen, ihr wissender Blick. In ihnen verschwimmen die grossen Gegensätze von Tod und Liebe, Erinnerung und Neubeginn, Leben und Schreiben. Sie gerinnen zum Sinnbild von Monique Schwitters neustem, soeben mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnetem Roman «Eins im Anderen». Doch das Buch blickt einen schon vor der Lektüre an. Den Leser «durchschauen» verführerisch-sinnliche Augen, die einer der Welt entrückten Mater dolorosa eingesetzt wurden. Heiliges und Profanes also, katholische Volksfrömmigkeit und Ikone der Popkultur, Eins im Anderen. Auch wenn sie braun seien, beteuert Monique Schwitter, es seien nicht ihre Augen, und meint verlegen: «Die eigenen Augen abzubilden, wäre kokett gewesen.» Und man stellt sich vor, wie diese geheimnisvoll dunklen Augen in ihrem früheren Leben als Schauspielerin das Publikum in ihren Bann zogen. Aber schon ist sie wieder die Schriftstellerin, die souverän zwischen Ernst und Komik changiert und ein Geheimnis an den Anfang einer Begegnung zu setzen und bis zuletzt nicht preiszugeben versteht. «Nur so viel: es sind berühmte, lebende Augen.»

Trotzdem steckt sehr viel von ihr in dem Umschlagsbild, sie hat es dem Verlag auch selbst vorgeschlagen: die katholische Erziehung im protestantischen Umfeld Zürichs, der Verlust des Glaubens an Gott in der Pubertät und die Synthese dieser -beiden Prägungen in einer hartnäckigen Verfallenheit an die christliche Ikonographie ebenso wie die Entscheidung für das Künstlerische anstelle des Akademischen – und für das Theaterregie- und Schauspielstudium in Salzburg, wo sie auf ein faszinierendes Nebeneinander von Kitsch und Hochkultur – European Song Contest nebst Salzburger Festspielen – und auf einem Flohmarkt schliesslich auf das Marienkultbild trifft. -Dieses -begleitet sie seither. Heute hängt es in ihrer Küche.

 

Von Tieren und Menschen

Der «Augen-Blick» umfasst aber auch Monique Schwitters bisheriges Werk, schliesslich prangen auf ihrem ersten Buch «Wenn’s schneit beim Krokodil» (2005) bereits die Augen ihres Hundes. In diesem und ebenso im Folgeband mit Erzählungen («Goldfischgedächtnis», 2011) zeigt sich Schwitter als Meisterin des Genres und seiner Möglichkeiten: Verdichtung, Per-spektivenwechsel, offene Enden. Und immer wieder: Tiere. Tatsächlich beginnt auch unser Gespräch mit der Feststellung, wie wichtig diese für ihren neuen Roman seien. Ratten, Katzen, ein Pinguin und immer wieder, in jedem Kapitel, ein Hund. Interessiert habe sie das Verhältnis zwischen Natur und Kultur in der Liebe, die Distanz und Nähe von Mensch und Tier, daher habe das Buch zunächst den Arbeitstitel «Bestiaire d’amour» getragen. Man betrachte das Tier mit einem gewissen Neid, sagt Schwitter, da ihm vermutlich das Wissen um die eigene Endlichkeit fehle, das den Menschen zwinge, seinem Leben und Lieben eine Bedeutung zu geben. Genau das muss auch die Erzählerin von «Eins im Andern», als sie zufällig herausfindet, dass sich ihre erste Liebe vor ein paar Jahren umgebracht hat. In der Folge wird sie in zwölf Kapiteln die Beziehungen zu zwölf Männern aufarbeiten. Und wenn das Leben nicht mitspielt, muss sie eingreifen, damit das Dutzend doch noch voll wird. Die Männer kriegen die Namen der Apostel zugewiesen und stehen als «Sendboten» der Liebe für zwölf ihrer Spielarten. Sie bilden lediglich die «Gefässe», während die Liebe die verschiedensten «Gestalten» annehmen kann und sich dabei selbst erhält. Es ist aber nicht einfach Einer nach dem Anderen, sondern Einer im Andern. Selbst im Traum-Mann sind die realen Männer präsent. Am Schluss und zugleich am Anfang von allem steht der tote Bruder, nicht als der zwölfte Apostel Judas, der die Liebe verrät, sondern als Christophorus, der vor dem Tod schützt. Die Augen des Bruders wird der Sohn der -Erzählerin erben.

Der Text besticht durch seine komplexe Komposition und erzeugt zugleich eine schier unheimliche Unmittelbarkeit. Monique Schwitters intellektuelle Agilität wird greifbar, wenn sie ins Reden über ihren Roman gerät. Meist hält sie aber plötzlich inne, so, als sei es ihr fast ein bisschen peinlich, so viel zu -wissen. Das ist nicht Koketterie, sondern Ausdruck davon, dass sie ihre Aufgabe darin sieht, den Dingen auf den Grund zu gehen, und eigentlich lieber etwas über ihr Buch erfahren möchte, das sie noch nicht weiss.

Literatur muss für Schwitter zwei Anforderungen erfüllen: eine klar erkennbare Form und Lebensechtheit, oder katholisch gewendet: «Das Wort muss Fleisch werden.» Der Roman verbindet eine «maximale Konstruktion» mit der radikalen «Fiktion» eines «ewigen Präsens»: Der Text gibt vor, dass er in diesem Augenblick entsteht, also eigentlich gleichzeitig geschrieben und gelesen wird. Dabei geht es gerade nicht um autobiographisches Schreiben, wie einzelne Rezensenten meinten, sondern um ein Maskenspiel, bei dem durch die vermeintliche Nähe zwischen Autorin und Erzählerin Distanz geschaffen wird. -Zugespitzt formuliert: die Autorin opfert sich für ihren Text. Wie raffiniert diese Autofiktion gebaut ist, wird etwa deutlich, als die Erzählerin vor Publikum das erste Kapitel des Buches vorliest und feststellt, dass es eigentlich der «falsche Text» sei, da er das Publikum dazu verführe, zu glauben, die Erzählerin sei mit der Autorin identisch.

 

Die Literatur und ihr Betrieb

Monique Schwitter ist innerhalb des deutschsprachigen -Literaturbetriebs eine Ausnahmeerscheinung. Kaum eine Autorin bewegt sich gleichzeitig so unabhängig und erfolgreich -darin wie sie. Wegen ihrer bescheidenen Art und ihrem professionellen Auftreten wird das gerne übersehen. Die kritische -Distanz zum «Betrieb», den man treffender «Vertrieb» nennen solle, beruht auf zwei grundlegenden Erfahrungen. Erstens diejenigen mit dem Theaterbetrieb, den sie «von der Pike auf» kennengelernt und dabei eine Faszination für die Analyse seiner Mechanismen entwickelt hat. Dadurch habe sie die Künstlichkeit des «Betriebs» erkannt und festgestellt: «Ich brauche -keinen Betrieb. Lesen ist mein Literaturbetrieb.» Das bedeute aber gerade nicht, den Literaturbetrieb zu negieren, denn nach der Veröffentlichung eines Buches brauche man die Aufmerksamkeit als eine Art Feedback. Ausserdem sei man als Freischaffende auf die Vermarktung angewiesen. Es sei daher «wohlfeil», dieses Commitment zu verleugnen, auch wenn man im Fall des Erfolgs «keusch» bleiben müsse. Zweitens ihre Erfahrung als Schriftstellerin, die erst spät zu veröffentlichen begonnen hat, so dass bis heute das Schreiben ohne zu veröffen-t-lichen der Normalfall geblieben sei. Das Veröffentlichen sei immer ein «Kommunikationsangebot», sagt Schwitter, eine Form der Mitteilung, die Reaktionen auslösen soll. Aber auch eine folgenreiche Entscheidung, denn: «Wie geht man mit den Reaktionen um, kann man sich davon freimachen – und weiterschreiben?»

Auffallend ist das unverkrampfte Verhältnis zu ihrer Herkunft, was zuweilen den Eindruck erweckt, Monique Schwitter sei für den Schweizer Literaturbetrieb fast eine Nummer zu gross. Das Nebeneinander von Dialekt und Schriftsprache empfindet sie nicht als Makel, sondern als Vorteil, dem sie die doppelte Erkenntnis verdanke, dass es in der deutschen Sprache immer mehrere Möglichkeiten des Ausdrucks gebe und dass die Übertragung von der gesprochenen in die geschriebene Sprache stets eine Übersetzungsleistung darstelle. Schwitter versteht sich als Schweizer Autorin, aber mindestens so sehr als deutschsprachige Autorin. Während Frisch und Dürrenmatt ihre «Göttis» waren – «so grusig ich das finde» –, prägten sie vor allem die österreichischen Autoren der Nachkriegszeit, wobei für sie vor allem die Zeit in Graz und die Anregungen, die von Alfred Kolleritsch und der Zeitschrift «Manuskripte» ausgingen, ein «Glücksfall» waren.

 

Vita Nova

Wie geht es weiter, wenn man das beste Schweizer Buch des Jahres geschrieben hat? Wie über ihre Stoffe denkt Monique Schwitter auch über ihre Zukunft als Schriftstellerin lieber in Gegensatzpaaren als in Entwicklungslinien nach. Das Schreiben und das Vermarkten eines Buches seien kategorisch zu trennen, darauf hat Monique Schwitter in ihrer Dankesrede bestanden. Somit fängt das eigentliche Leben als Schriftstellerin, das Schreiben jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit, bald wieder an. Doch das Thema für ein neues Buch wird nicht einfach gewählt, es muss ausprobiert, erschrieben werden, denn: «Es muss mich etwas schon lange verfolgen, bevor ich mich umdrehe.» Ein Prozess, der gut und gern 3 bis 4 Jahre dauern kann, «und das ist in Ordnung so». Zunächst geht es im Frühjahr für drei Monate nach Amerika. Dort werde sich bestimmt der -Mythos von der Neuen Welt bewahrheiten und aus ihr einen ganz neuen Menschen machen: «Etwas Grossartiges wird passieren, ich weiss aber nicht was.»

Wäre dies nicht ein perfekter Schlusssatz, so hätte ich sie doch nochmal nach dem Geheimnis der lebenden, aber stark überschminkten Augen auf dem Cover ihres grandiosen -Romans gefragt: Aber… ist das nicht Wurst?


Lucas Marco Gisi
ist Germanist, Leiter des Robert-Walser-Archivs in Bern und lehrt Neuere deutsche -Literatur an der Universität Basel.