Gottfried Kellers Kartoffelstock

Wie Pankraz das Schmollen verlernt.

Gottfried Kellers Kartoffelstock

In Zürichs engen Gassen begegnet man Gottfried Keller auf Schritt und Tritt. Vieles von ihm ist noch unverändert da, auch wenn er persönlich das wohl bestreiten würde. In Kellers Werk sorgt das Kleinräumige für Nöte. Wie sich der eine am andern reibt, führen «Die Leute von Seldwyla» mit bisweilen tödlichem Ernst vor  Augen. Dass es dabei auch Einsicht, ja sogar eine Art Heilung geben kann, zeigt Pankraz, der einmal ein «Schmoller» gewesen war.

Die 1856 veröffentlichte erste «Seldwyla»-Novelle bildet eine Familienkonstellation ab, die Keller nur zu gut kannte: eine Witwe mit Sohn und Tochter. Mittags gab es Püree von Kartoffeln aus dem eigenen kleinen Acker: «Diesen Kartoffelbrei assen sie alle zusammen aus der Schüssel mit ihren Blechlöffeln, indem jeder vor sich eine Vertiefung in das feste Kartoffelgebirge hineingrub.» Die darübergegossene Butter oder Milch wurde zum Zankapfel: Während der Bruder, Pankraz, scharfe Grenzen um seinen Anteil zog, grub die «harmlose» Schwester «künstliche Stollen und Abzugsgräben», um die «wohlschmeckenden Bächlein» des Bruders anzuzapfen.

Noch mehr als die Butter im Teller staute sich in Pankraz die Wut auf die Welt. Eines Tages hielt er es nicht mehr aus, ging in die Fremde und machte wie viele Schweizer Karriere als Söldner. Jahre später kehrte er als neuer Mensch heim (das Schmollen hatte ihm die wundersame Begegnung mit einem Löwen ausgetrieben, dessen Fell Pankraz fortan stets bei sich trug). Der Heimkehrer verköstigte Mutter und Schwester mit Delikatessen, die dem neu errungenen Stand gemäss waren, aber als er die Geschichte seiner Läuterung erzählte, schliefen die beiden vom ungewohnt reichhaltigen Essen ermattet ein. Nur der Leser hört seinen Weg.

Zeithistorisch ist der Zank am Mittagstisch in die mit der industriellen Revolution fast schlag­artig einsetzende Hochkonjunktur des Kartoffelanbaus eingebunden. Kartoffelesser waren die ärmeren 70 Prozent der Gesellschaft. Als Keller seine Novelle schrieb, wütete infolge der Kartoffelkrankheit die grosse Hungersnot, die nicht nur in Irland zahllosen Menschen das Leben kostete. Kellers hartumkämpfter Kartoffelstockberg ist ein unübertreffliches Symbol für den aufkommenden Verteilkampf um das gesellschaftliche Fortkommen.

In der Schweiz ist beim Servieren des Kar­toffelbreis noch heute eine Frage unumgänglich: «Mit oder ohne Seeli?» Wer «mit» antwortet, bekommt mit dem Schöpflöffel eine Delle in den Kartoffelstock, in die dann heisse Butter oder Bratensauce gegossen wird. Ist dieses heimliche Nationalgericht nicht auch ein schönes Abbild des Landes – gebirgig, etwas verstockt und ohne Seen und Flüsse einfach nicht dasselbe?