«Herr Mezger, warum schreiben Sie?»

Die Standardfrage in meinem -früheren Leben als Schauspieler: Wie können Sie sich so viel Text merken? Einen Schornsteinfeger fragt man: Wie sind Sie dazu gekommen? Und einen Schriftsteller halt: Warum schreiben Sie? Den Schornsteinfeger oder meinetwegen einen CEO fragt man nicht nach dem -Warum ihres Tuns, die Antworten sind wohl zu offensichtlich. (CEO: «Damit ich […]

«Herr Mezger,  warum schreiben Sie?»

Die Standardfrage in meinem -früheren Leben als Schauspieler: Wie können Sie sich so viel Text merken? Einen Schornsteinfeger fragt man: Wie sind Sie dazu gekommen? Und einen Schriftsteller halt: Warum schreiben Sie?

Den Schornsteinfeger oder meinetwegen einen CEO fragt man nicht nach dem -Warum ihres Tuns, die Antworten sind wohl zu offensichtlich. (CEO: «Damit ich mir auch mal was Schönes leisten kann.» Schornsteinfeger: «Damit Schriftsteller mich weiterhin als Berufsbeispiel heranziehen können.») So oft mir aber die Frage gestellt wurde, so unterschiedlich habe ich sie beantwortet. Albern, ausweichend, ablehnend.

Ich versuche es zur Abwechslung mal ernsthaft. Nur dass diese Antwort leider weder lustig noch schmeichelnd ist. Sie ist sogar ziemlich arrogant, wenn ich ehrlich bin. Denn wenn ich ehrlich bin: Ich schreibe, weil ich es kann.

Wobei schreiben können hauptsächlich heisst, Tag für Tag zu sehen, dass ich nicht schreiben kann. Es heisst aushalten können, dass es nicht zum Aushalten ist, wie mir Stunde um Stunde bewusst wird, wie jämmerlich ich bin. Als Schriftsteller, als Mensch. Das Ringen mit dem Fortschreiten von Text und Geschichte zeigt mir Mal um Mal, dass Schreiben nicht geht, nie geht, dass man bloss lernt, sich mit den läppischen Überresten vom eigentlich Imaginierten zufriedenzugeben.

Derweil denke ich viel darüber nach, was ich eigentlich besser machen würde: Kamine fegen? CEO werden? Und warum habe ich damals bloss diesen Telenovela-Job abgelehnt?! Aber all das kann ich nicht, schreiben kann ich. Und weil ich es kann, suche ich mir Gründe, es zu tun, Inhalte, die es lohnen, aufs Papier zu finden, wenn der Weg dahin schon ein so beschwerlicher ist. Geschichten, die mich selbst lange genug unterhalten, Figuren, mit denen ich gerne Lebenszeit teile und die ihre eigenen Gründe finden, warum sie erzählt werden wollen. Und ich schreibe, um das dann zu lesen und zu staunen: Echt jetzt, das war in meinem Kopf?

Dies die ehrliche Antwort, lieber ist mir allerdings weiterhin die patzige: Ich schreibe natürlich, weil ich mir so viel Text nicht merken kann.

Irgendwann gegen Ende einer Leseveranstaltung wird endlich die Runde geöffnet und das Publikum darf Fragen stellen. In der Kolumne «Schlussfrage» gibt der Schriftsteller Daniel Mezger Antwort. Ein für alle Mal.

Nächstes Mal: Herr Mezger, haben Sie, bevor Sie anfangen, einen Plan?