«Nur durch den Winter wird der Lenz errungen» – Gottfried Keller

Wort treiben

«Nur durch den Winter wird der Lenz errungen» – Gottfried Keller
zvg.

Der Winter in Berlin ist hart. Okay: wo, ausser vielleicht auf den Skipisten von Davos, ist diese Jahreszeit keine Zumutung – aber die Eiswinde hier, nachdem sie über 200 Kilometer flache, unbewohnte Sandwüste, auch Brandenburg genannt, Tempo aufgenommen haben, die sind schon besondere Hausnummern. Trotzdem lasse ich mir mein Joggen nicht nehmen und drehe tapfer meine Runden. Da ist nämlich dieser besondere Effekt.

Nach fünfzehn Minuten Dauerlauf sind meine Finger abgefroren. Taub. Die Musik ist nur noch dumpfe Beschallung, der Kopf ausschliesslich damit beschäftigt, sich dem Gedanken «Es ist zu kalt, dreh gefälligst um und geh heim!» zu widersetzen. Ego-Brainstorm zum Thema neues Romanprojekt? Natürlich auch Fehlanzeige. Alles, was ich denken kann, ist: Scheisse, ist das kalt. Und an alle Stubenhocker: dieser Gedanke kann wahrlich enormes Gewicht entfalten.

Nach weiteren fünfzehn Minuten habe ich es entweder geschafft, mich in das Wesen eines Eiszapfens zu versetzen, der sein Schicksal etwas durchhängend, aber würdig hinnimmt – oder ich kehre tatsächlich um. Dann wird es interessant. Ich komme nach Hause und setze mich an den Laptop, spüre, wie ich auftaue. Nicht nur die starren Finger, auch der Kopf. Blut und Gedanken beginnen wieder zu fliessen, sehr stockend zwar, dafür umso intensiver. Ich habe Mühe, die richtigen Tasten zu treffen, weil meine blau angelaufenen Finger schmerzen wie verrückt. Masochismus? Vielleicht. Aber die gedrosselte Physis gibt mir Zeit, Sätze noch im Schreiben zu überdenken – so tröpfeln aus dem Schraubstock des Kälteschocks Formulierungen, auf die ich im Normalzustand nicht gekommen wäre.

Mit jeder Minute, in der mein Körper realisiert, dass er dem Kältetod noch einmal knapp entgangen ist, kehrt die Ernüchterung ein. Après-Frost-Schreiben ist wie ein sehr kurzer, aber heftiger Drogenrausch. Sind die so entstandenen Texte besser als andere? Wer weiss. Manchmal geht’s halt auch um den Kick. Auf diesen Gedanken folgt meist eine Tasse Tee, und dann ist vorbei. Aber der Winter ist ja noch lang.


Laura Wohnlich
ist Schriftstellerin und Sportlerin. Hier bringt sie beides unter einen Hut. Ihr Roman «Sweet Rotation» ist 2017 bei Piper erschienen. Sie lebt und arbeitet zur Zeit in Berlin.