«Herr Mezger, was will uns der Text eigentlich sagen?»

Geschichten sind im Kern eine recht reaktionäre Angelegenheit. Klassisch geht es so: Da ist ein Held, der will was, er kriegt einen drauf und stirbt. Was wollte er? Den Status quo verändern. Aber am Ende wird dieser Status quo wiederhergestellt, der Held derweil von allen betrauert. Ist ja auch was.

In der Hollywood-Variante: Da ist ein Held (es ist immer noch eher ein Mann), der will was (meist nicht hauptsächlich eine Frau, die ist eher so die Nebenhandlung), er kriegt einen drauf, er merkt, dass er es gar nicht hätte wollen müssen, weil die Antwort auf sein Problem immer schon in ihm selbst war. Er verändert sich ein bisschen (und bekommt die Frau aus der Nebenhandlung), Ende.

Und in zeitgenössischen Erzählungen: Da ist ein Held, einen zweiten Akt gibt es nicht, Ende. Und was wollen uns diese Geschichten nun sagen? Veränderung ist anstrengend. Lass es lieber! (Oder zieh nach Hollywood, da gibt’s die Frau zum Schluss.) Nun sind da aber noch die Autorinnen und die Autoren, manchmal wollen auch die noch was sagen, und meist ist es nicht Obiges, öfter sogar so ziemlich das Gegenteil davon, weil vielleicht ihr Held ganz mutig ist oder der Status quo schrecklich änderungsbedürftig oder es eh eher so um das Spazierengehen des Helden geht und was er dabei so denkt und ob er sich einen Hund anschaffen soll oder lieber nicht.

Und weil man seine Figuren liebhat und den Status quo so halb, würde man beidem etwas Veränderung zugestehen wollen, und meist hat man sich ja noch ein Thema ausgesucht, das will auch etwas sagen, es will sagen: Schau, ich bin ein Thema, denk über mich nach!

Texte, die was sagen wollen, könnten sich den Umweg eigentlich sparen und einfach Aufsatz sein. Sag es halt einfach! Aber die Haupt­beschäftigung von Texten, wenn sie denn literarisch sind, ist ja zum Glück nicht das Sagen. Sondern das Erzählen.

Und wenn sie erzählen, dann bekommt der Held vielleicht eins drauf, aber das Erzählen lässt sich nicht auf die blosse Aussage reduzieren. Es ist deutlich versöhnlicher und einiges weniger reaktionär. Denn was Texte erzählen, ist fast immer dies: Ja, Menschsein ist seltsam.

Und: Veränderung ist anstrengend. Ich weiss.

Aber hey, manchmal lernt man in der Nebenhandlung ja noch wen kennen.


 

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»