Klimawandeln

Vor fünf Jahren habe ich ein Gedicht mit dem Titel «Dichtertreffen» in meinem Band «Klimaforschung» veröffentlicht, das das Wort «dicht» in einer Zeile in «dicht gedrängt» übersetzt und damit das Hehre des Begriffs in Pragmatik überführt. Es geht nun ein Jahr zu Ende, in dem ich an 10 Lyrikfestivals im In- und Ausland teilgenommen und zahlreiche […]

Klimawandeln
Nora Gomringer, photographiert von Anny Maurer.

Vor fünf Jahren habe ich ein Gedicht mit dem Titel «Dichtertreffen» in meinem Band «Klimaforschung» veröffentlicht, das das Wort «dicht» in einer Zeile in «dicht gedrängt» übersetzt und damit das Hehre des Begriffs in Pragmatik überführt. Es geht nun ein Jahr zu Ende, in dem ich an 10 Lyrikfestivals im In- und Ausland
teilgenommen und zahlreiche Dichtertreffen erlebt habe. Das sind besondere Begebnisse. Selten sprechen wir eine andere Sprache als Englisch und verstehen einander so nur in den Ansätzen. Auf einmal werden unsere Körpersprache, Kleidung und (Selbst-)Inszenierung wesentlich wichtiger. Während das Publikum die Prosodie leiden mag, sinnen wir darüber nach, wie die eine die Haare färbt, der andere den Hosenbund trägt und voilà die Lyrik, gar die Poesie scheinen dahin. Dabei ist das für mich der Moment, an dem es erst wertvoll wird, dieses Miteinander: Wenn die Sprache mit dem Körper im Zwiegespräch erscheint, sich die beiden wieder einmal Dinge fern der Semantik mitzuteilen haben. Das «Klima» zu erforschen ist eigentlich ständige Aufgabe der Dichter. Und zu diesen Forschungen muss der Dichter sowohl in die Welt hinaus als auch Schreibtischstudien betreiben. Versenkung und Versprengung sind es wohl auch, die mich in die Buchläden gelockt haben, wo ich gerade Solomon Northops neuaufgelegte Lebensgeschichte «Twelve Years a Slave» – im Original 1853 erschienen – und die Taschenbuchversion von Natascha Kampuschs «3096 Tage» gefunden habe. Beide Bücher lassen ihre Leser ungewöhnlichen, starken und ungewöhnlich starken Menschen und Autoren begegnen.

Beide haben mich in ähnlicher Weise fasziniert und verstört. Auch weil die Schilderungen von Phasen erschütternder Einsamkeit und aufgezwungenem Schweigen Auswirkungen auf die Sprache haben, die die beiden Autoren sehr verständlich und nachhaltig ausführen. Unsere Sprache hat eine Melodie, die wir am besten durch «Nachsingen» erlernen als Kinder und zu der wir den Kontakt erhalten, indem wir sie beständig weitersingen. Dieses Singen ist das Sprechen aus vielen Kehlen. Ich bin gerade mal wieder halskrank und habe mir die Bestätigung geholt, dass meine Mandeln im nächsten Jahr rausmüssen. Dann heisst es schweigen, aber auch… lauschen und lauschen, das kann Forschen sein. Vielleicht sowieso ein guter Vorsatz für den Beginn eines neuen Jahres, noch bevor das alte verklingt: wieder einmal das Klima betrachten.

Sollten Sie über den Jahreswechsel lieber allein sein, so lauschen Sie doch Ihrer eigenen Lesestimme, wenn Sie sich etwas vorlesen, was Sie lange schon nicht mehr in der Hand hatten. Oder gönnen Sie sich eben endlich wieder einmal ein anregendes, lebhaftes Buch, das Ihnen gut in der Hand liegt und gut zu Gesicht steht. Ich bin sicher, Sie treffen uns dann, uns Dichter.