Michael Fehr sagt

«Sterne, Staub, Kometen, Planeten, Löcher… Mir geht es darum, keine Angst davor zu haben, zu verglühen. Sondern aus der Asche wieder aufzustehen oder aufzubegehren, aufzuflackern oder aufzuflattern», sagt der Berner Lyriker Michael Fehr. In seinen Textschwärmen ist alles, was in seinem Denk- und Vorstellungskosmos nicht der leere Raum ist. Ein exklusiver, sehr persönlicher Auszug aus dem Werk eines Schweizer Hoffnungsträgers.

Michael Fehr sagt
Michael Fehr, photographiert von Affolter/Savolainen.

2 Ingeborg Bachmann und ich

Ingeborg Bachmann sagt
was du und ich zusammenlegen können
das ist das Leben
und ich sage
dieses Gespür für jegliche Veränderung in der zwischenmenschlichen oder schliesslich gar innermenschlichen Beziehung
zwangsläufige Veränderung wegen zwangsläufigem Fortschritt der Beziehung wegen zwangsläufigem Vergehen der Zeit
diese leidigliche
scheinbar unantastbare
nicht einmal der Lauf der Zeit vermag etwas dagegen auszurichten
ergo ewige Traumatisierung
dieser überhebliche und gegengleich vordergründig unterwürfige Umgangston
dem seinerseits wieder Überheblichkeit den Hintergrund macht
diese Zurschaustellung des unglücklichen Bewusstseins
dieses unaufhörliche Kreisen des Bewusstseins um sich selber
sich selber
sich selber
das Sichnichtbehaftenlassen des Bewusstseins auf ein verbindliches Ich
kreisen
kreisen
kreisen
und Ingeborg Bachmann sagt
ein Ich ist ergriffen
und ein Ich handelt
und ich sage
ein Ich ist ergriffen
und ein Ich handelt
ist schlicht feige
engstirnig
dünkelhaft und vor Allem
vor Allem absolut humorlos
Abstandnehmen vom Unglück ist angeblich unmöglich
derart gefangen soll das Bewusstsein sein
keine grossen Züge möglich
kein All vorhanden
nur die rundum auf das Bewusstsein bezogene Welt
nichts passiert zu seinen Gunsten
alles passiert zu seinem Unglück
alles passiert extra wegen ihm allein
ihm
ihm
ihm
und Ingeborg Bachmann sagt
ich wollte mein Drama haben
und ich sage
ich wollte mein Drama haben
dünkt mich ernstlich ein sehr bezeichnender Satz
insofern ist das Werk grausam gelungen

 

1 Max Frisch und ich

Max Frisch sagt
wie soll eine solche Persönlichkeit zu einer Vorhangkordel greifen
und ich sage
solche Fragen stellen sich vor Gericht
mit reiner Intuition lässt sich darauf antworten
allenfalls mit Vernunft
aber dass es mit der Vernunft nicht weit her ist
werde ich schon noch zeigen
Intuition
es braucht kein Gesetz
es braucht kein Gesetz
Salomon
der Gerechte
kann sich hinsetzen und richten wie regieren
mit gerechter Intuition
allenfalls mit gerechter Vernunft
aber ein Gesetz braucht es nicht
es ist dies eine lächerliche Erfindung

 

3 Maria Wutz und ich

Maria Wutz sagt
wollt er mithin etwas Gescheites lesen
zum Beispiel aus der praktischen Arzneikunde und aus der Krankenuniversalhistorie
so müsst er sich an seinen triefenden Fensterstock setzen und den Bettel ersinnen
und so sag ich dir
Maria Wutz
mich alle Dezember lang deiner oder meiner
sei’s drum
Kindertage
wie du sie in deiner warmen Winterstube und Kinderstube wiegelst
hätschelst
wieder aufnimmst und in ihnen alle Dezemberabende wonnig wieder das Laufen lernst
erinnern mag ich nicht
in die Kinderzeiten laufe ich dir nicht nach
zumal wir derzeit erst Oktober schreiben
erinnern mag ich mich nicht und schweige an diesem Ort und laufe dir derweilen alle Tage nach
Meister
wenn du mit deinem Taschendruckergerät
das heisst Taschendruckerwerkzeug
werkelst und zeugst
das heisst zum Beispiel handschriftlich die praktische Arzneikunde erzeugst
und mag meinen Bettel alle Nase lang ersinnen und aufnehmen in mein Aufnahmegerät
zumal sich bekanntlich ein jeder an keinem Ort besser auskennt denn in seiner Tasche
das heisst schon in seiner Stube schlechter
geschweige denn in seinem Kinderkanaan
machst mich mit deinem Kinderzeug derweilen gar nicht irre
und so sei’s drum

 

4 Edmund Husserl und Pierre Schäfer

Edmund Husserl sagt
dass man sich bei der Betrachtung an das halten sollte
was unmittelbar in das Bewusstsein dringt
und Pierre Schäfer sagt aufgrund dessen
dass über die akustische Realität hinaus eine Psychologie des Hörens existiert
der zu verfallen man bei der Betrachtung
bei der es sich im Spezialkasus des Hörens um eine Belauschung handelt
aufgrund dessen
nämlich um über die Spezialbetitelung hinweg eine Generalbetitelung zu erhalten
der Generaltitel der Observation zur Solution eindringt
vermeiden sollte und sich stattdessen eben an die Realität halten
die unmittelbar in das Bewusstsein dringt

 

5 Ich

Ich sage
die Chöre von Redakteuren stören die Poeten
die von selber sagen täten
was sie zu sagen hätten
wenn sie selber Geld hätten
und sie sie liessen

 

8  René Descartes, Platon, Georg Hegel, Julle Henry, Baruch de Spinoza und ich

René Descartes sagt
Der Geist sitzt in seinem Körper wie der Schiffer in seinem Schiff
und Platon sagt
durch das Philosophieren entzieht sich die Seele dem Körper
der sie ständig hinters Licht führt mit seinen Irrungen und Trugschlüssen
der Tod vollendet den Befreiungsversuch der Seele
und Georg Hegel sagt
der Geist entwickelt sich aus Materie und befreit sich schliesslich
ein Prozess
der zu Lebzeiten in der Poesie gipfelt
man braucht zur Poesie Wörter
die sind aber der subtilste Körper überhaupt
und Julle Henry sagt
der Körper mag Bürde sein
ist aber auch Instrument
der Geist mag dazu neigen
sich davon zu lösen
braucht aber die anatomische Struktur
um sich auszudrücken
das Piano mag nicht der Pianist sein
macht aber den Pianisten zum Pianisten
und Baruch de Spinoza sagt
der Geist mag den Körper brauchen
dass aber Schlafwandler Vieles tun
was sie im wachen Zustand nicht wagen würden
zeigt doch zur Genüge
dass der Körper an sich nach den blossen Gesetzen seiner Natur vieles vermag
worüber sich sein eigener Geist wundert
und ich frage mich
wer mag mit wem mehr umspringen
der Geist dem Rest vom Löwen den Menschenkopf mehr aufzwängen oder der Körper dem Löwenkopf
den Rest vom Menschen mehr anhängen

 

6  André Comte Sponneville und ich

André Comte Sponneville sagt
Ich kann nicht aus der Wirklichkeit
nicht aus der Wahrheit herausfallen
und ich denke mir
meine Güte
bald mein Gott
vielleicht hockst du schon ganz herinnen
in der Wirklichkeit
herinnen
in der Wahrheit
und merkst nichts
Depp
die Sonne gelb
die Bäume grün
die Früchte heroben bunt
und du hockst herunten und
guter Gott
bald fällt dir der ganze Plunder gebraten auf die Birne
merk auf

 

7 Ich

Ich sage
die Ethik ist die Ästhetik ohne Äste
ist dann die aufsaugenden Wurzeln
der leitende Stamm ohne treibenden Auswuchs

Bin ich eine Exotin?
Claire Plassard, photographiert von Michael Wiederstein.
Bin ich eine Exotin?

Ich besitze ein Smartphone und auch andere Accessoires des 21. Jahrhunderts. Meine Leidenschaft aber ist eine scheinbar unzeitgemässe: Ich fische nach Worten. Macht mich das zur Lyrikerin? Was ist überhaupt ein Gedicht? Und sind diese Fragen eigentlich wichtig?

«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»