Leiter

Von Menschen, die sich in Nachtzügen kennenlernen und von Schaffnern in wohlsitzenden Uniformen bedient werden. Mittendrin: ein Abteilleiter, der nicht nur aus dem Zug, sondern gleich aus der Zeit fällt.

Leiter

Ja ich bin es
Ich leite ein Abteil
Ich trüge hier Verantwortung
So sagte man als ich die Arbeit nahm
Wenn ich es korrekt erinnere
Keine umfassende Verantwortung
Doch an diese hielt ich mich
Und seitdem bin ich hier
Ich herrsche über
Also herrschen
Es ist meine erste leitende Stellung
Das ja
Und ich staunte ob der Grösse des Abteils
Das ist alles mein Gebiet
So dachte ich am Anfang stolz
Denke es noch immer ab und zu
Die vier Betten
Je zwei übereinander
Der Zwischenraum
Wo ich beim Fenster auf dem Hocker sitze
Neben mir die Tür zum Bad
Vor mir die Tür zum Korridor
Die mein Gebiet vom Rest des Waggons abtrennt
Dort endet meine Kompetenz
Deshalb öffne ich die Tür nur selten
Nie mehr eigentlich seit
Selbstverständlich lasse ich aber zu dass andere sie öffnen
Meine Fahrgäste zuerst
Denn ohne sie wäre die Arbeit die ich leiste sinnlos
Ich bin für sie da
Und sie für mich
So darf ich zugeben
Denn ihr Geruch ernährt mich
Und ihre Erwartung
Die sie an mich stellen können
Geben mir Halt
Während Gäste in den anderen Abteilen
Geschweige denn in anderen Waggons
Sie dürfen mich nicht kümmern
Weder lasse ich mich ablenken
Durch Vorgänge die ausserhalb
Noch überschätze ich meine Arbeit im Abteil
Sie besteht in der Bereitschaft
Ich entscheide über keine Mittel
Ich bestimme über keine Waren
Kein Werkzeug oder Material
Mir obliegt keine Kontrolle
Noch gebe ich Anweisungen
Nicht einmal der Schlüssel zum Abteil befindet sich bei mir
Über den verfügt der Schaffner
Mag sein das unterscheidet mich von anderen Angestellten
Die verrichten zwar auch ihre Arbeit
In einem weit verzweigten Netz von Abläufen
Doch was sie brauchen für die Arbeit ist ihnen gegeben
Mir jedoch ist nichts gegeben
Was wiederum
So muss ich sagen
Angemessen ist
Ich brauche nichts für meine Arbeit
Ich trage eine Uniform
Das ja
Sonst aber habe ich keine Mitgift von den Bahnbetrieben
Auch keinen eigenen Besitz
Das wieder teile ich mit anderen Angestellten
Das Büro in dem sie arbeiten
Die Möbel dort
In der Fabrik Maschinen
Die sie herstellen oder bedienen
Sie gehören ihnen nicht
Manche Angestellten haben aber etwas Eigenes
Eine bemalte Tasse
Eine Unterlage
Fotos oder Souvenirs
Die sie von zu Hause mitbringen
Um ihren Arbeitsplatz persönlicher zu machen
Vielleicht auch um dem Ungleichgewicht der Besitzverhältnisse zu wehren
Gegenstände die sie zudem
Schätze ich
Daran erinnern
Für wen sie ihre Arbeit leisten
Und wohin zurück sie kehren
Wenn der Feierabend unerbittlich kommt

 

All das kann…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»