Lisa Elsässer: «Fremdgehen»

Lisa Elsässer:
«Fremdgehen»

 

Lino K. ist in einer Fernbeziehung, Julia H. ist eine verheiratete Mutter. Sie lernen sich kennen, schreiben sich E-Mails, über lange Zeit hinweg immer wieder. Bald sprechen die beiden schon von Briefverkehr, denn ihre Mitteilungen sind so sorgfältig und dichterisch, als wären sie von Hand verfasst. Poesie und Metaphern in luftigen Höhen dominieren den Sprachduktus der Schreibenden sowie des personellen Erzählers, der Informationen über das Geschehen ausserhalb der E-Mails gibt. Tatsächlich kann der Text zu Beginn etwas kitschig und holprig wirken, die Nachrichten sind sehr komplex und konstruiert. Bevor sich die Leserschaft jedoch in den abstrakten Gefühlsbeschreibungen verliert, geschieht etwas Unerwartetes: Die Verfasser der Nachrichten beginnen, einander misszuverstehen. Immer häufiger müssen Erklärungen des zuvor Geschriebenen nachgereicht werden. Julia fordert starke Gefühle und (trotzdem) Klarheit, während der kauzige Lino verschlossen bleibt, kryptisch. Aus dem liebevollen Betrachten des anderen wird Unverständnis und aus diesem resultiert Ärger: auch dieser romantischen Kiste stehen hinlänglich bekannte Gefahren gegenüber.

Doch was heisst schon «hinlänglich bekannt», wenn bereits ein Wort wie «fremdgehen» so irreführend ist im Zusammenhang mit diesem Buch? Wenn dabei ein Hintergehen und Belügen des Partners mitgedacht wird, trifft das Wort für die Geschichte nicht zu: Julias Ehemann etwa wird über das ausserfamiliäre Geschehen jederzeit informiert. Was nützt es? Während Julia die Reaktionen ihres Umfeldes als Belastung empfindet, nimmt der Ehemann ihr das Auswärtsverlieben nicht übel. Auch er hatte ja bereits Ausflüge als Individuum unternommen, wie es im Roman heisst. Auch der Begriff «Liebhaber» führt in die Irre, denn Lino und Julia bedeuten einander viel mehr. Sie führen eine ernsthafte Beziehung.

«Du willst also wirklich noch einmal durch alle Strudel hindurch?», fragt Julias Ehemann sie. Es ist eine Frage, die Julia auch während des weiteren Geschehens begleiten wird. Denn der Buchtitel «Fremdgehen» weckt reflexhafte Erwartungen an die aufregende Geschichte zweier Menschen mit vielen Geheimnissen und Hormonen. Dabei werden aber die möglichen weiteren Verläufe einer aus dem Fremdgehen resultierenden Beziehung nicht berücksichtigt. Genau darum geht es in Elsässers Buch. Denn nach dem Verlieben stellen sich plötzlich viele Fragen. Fragen nach einer glücklichen Ehe, nach dem passenden Alter für eine neue Liebe und nach gesellschaftskonformem Verhalten in Anbetracht der halbneuen und bald überbordenden Gefühle. Diese Themen, der Umgang mit ihnen und die Sprache machen dieses leise und unaufdringliche Buch zur Ehrenrettung der in Ungnade gefallenen E-Mail-Romane.

Lisa Elsässer: Fremdgehen. Zürich: Edition Blau im Rotpunktverlag, 2016.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
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