Lukas Hartmann: «Auf beiden Seiten»

Lukas Hartmann:
«Auf beiden Seiten»

 

Kindheitserinnerung, Baselbiet, 1990: Die illegale «Geheimarmee» P-26 fliegt auf. Die Empörung der Eltern, die Gerüchte, regionale Politgrössen seien verwickelt, die Frage, was in aller Welt diese Leute antrieb. Und dann: nichts; kaum Namen oder Details. Bis heute streiten sich die Lager von damals, ob die P-26 nun gefährliche Inlandspionage, harmlose Pfadfinderei oder doch völlig legitime Widerstandsorganisation gewesen sei. In diesem Spannungsfeld, in diesen Lagern spielt Lukas Hartmanns neuer Roman. Und es fragt sich instinktiv: Ermöglicht die literarische Form endlich neue Einblicke ins Innenleben dieses Mysteriums?

Schweiz, 1970: Der konservative Deutschlehrer Dr. Armand Gruber weckt im Schuhmachersohn Mario die Liebe zur Literatur. Mario beginnt selbst zu schreiben, langsam entsteht eine enge, aber komplizierte Beziehung. Später kommt es zum Bruch, zunächst über literarische Vorstellungen, dann, weil der Junge ein «Linker» wird und den Dienst an der Waffe verweigert. Die beiden müssen dennoch einen Umgang finden: Mario hat Grubers Tochter Bettina geheiratet. Der Bruch, der fortan durch die Familie läuft, ist bezeichnend dafür, wie prägend der Kalte Krieg auch in der Schweiz war, wie verhärtet die Fronten. Lukas Hartmann lässt abwechselnd Gruber, Mario und Karina, Bettinas beste Freundin (und Tochter des Hausmeisters beim Geheimdienst), aus dieser Zeit erzählen: Gruber sammelt Briefmarken, liebt die «gehörige Ordnung», die in der Gesellschaft, so klagt er, verloren gehe: «Klare Reihen, geordnete Verhältnisse […], in der Vergrösserung erkennt man die Abweichung von der Norm.» Und Mario, Journalist geworden, sieht seine Texte, die aufrütteln sollten, geglättet und gekürzt. Die Familie entgleitet ihm, Scheidung, der Schwiegervater ein Betonkopf. So weit, so holzschnittartig. 1989 dann macht Mario eine desillusionierende Reise nach Ostberlin, danach – eine der stärksten Passagen des Romans –eine noch desillusionierendere in den Tschad: Er soll «wohlwollend – und doch nicht unkritisch» über die Schweizer Entwicklungshilfe berichten: «Dankbare Gesichter. Das Know-how der Weissen. Ein wenig Dürre, das schon, (…) magere Rinder, aber keine toten.» Ausgerechnet am 9. November, als die Weltbilder links wie rechts ins Wanken geraten, kehrt er nach Europa zurück. Doch Momente wie diesen, an denen sich die Geschichte fast natürlich zuspitzt, verschenkt Hartmann: Der ahnungslose Mario, der nur bei den Kindern vorbeischauen will, bleibt mit Ex-Frau Bettina vor dem Fernseher hängen. Die Mauer ist weg. Auf dem Bildschirm: «Berlin im Freudentaumel, West und Ost vereint, Trabis mit winkenden Insassen» – ach so. Montagsdemos, Massenflucht, Schabowski: auch noch hineingerührt. Und später, als der alte Gruber sich als P-26-Mitglied outet? Dem potentiell dramatischen Geständnis folgt ein langfädiger Abriss zur P-26-Historie – in indirekter Rede.

«Die Leserschaft», wird Journi Mario im Buch belehrt, wünsche «starke Geschichten, keine Lektionen». Man ist geneigt, dies auch Lukas Hartmann zuzurufen, dessen Ton einem bisweilen ebenfalls wie der eines Deutschlehrers vorkommt (Nebenfach: Geschichte) – wohlwollend, geduldig, die Dinge lieber einmal zu oft als einmal zu wenig erklärend. Hartmann gelingen dabei zwar etliche schöne Bilder, die das Lebensgefühl einer vergangenen Schweiz einzufangen vermögen: Etwa wenn Karina Familienausflüge an die Sense beschreibt. Oder wenn Mario mit seinem Vater dessen Elternhaus, eine windschiefe Tagelöhnerbude, besucht und der Vater erstmals wirklich zu Wort kommt.…

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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