Warten auf Pastis
Demian Lienhard, fotografiert von Laura J. Gerlach.

Warten auf Pastis

Demian Lienhards erster Roman «Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat» ist gerade erschienen. Doch sein Weg zur Publikation war mit allerlei Unsicherheiten gesäumt.

Heroin zu knallen, das muss man sich in etwa so vorstellen: Angenommen, einer würde über unser Leben schreiben an seinem Schreibtisch. Kriegt ja kein Geld dafür, oder viel zu wenig. Er weiss: Zum Überleben muss ich was Richtiges machen. Aber irgendwann ist er angefixt, kann nicht mehr loslassen, hängt die ganze Zeit mit uns herum, in seinem Kopf, meine ich. Rundherum bricht die Welt zusammen, aber ihn interessiert das nicht mehr. So stelle ich mir das mit dem Heroin vor. Das heisst, wie’s mit dem Heroin ist, weiss ich ja. 

Zwar sind dies die Worte der Erzählerin meines Romans «Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat», doch tritt wohl nirgends sonst der Autor so unverblümt hinter der Figurenrede hervor. Schreiben und Heroinsucht werden in dieser Passage gleichgesetzt. Beiden Zuständen wohnt der Wunsch nach Realitätsflucht inne, beiden ist eine schmerzlindernde Wirkung gemeinsam. Gleichzeitig geht mit Heroin- und Schreibsucht ein Akt der Selbstvernichtung einher, der etwas zutiefst Irrationales, wohl aber auch etwas unerhört Konsequentes, ja Folgerichtiges in sich birgt. Wer die Feder zu seinem Beruf machen will, dem tut eine solche Irrationalität, ein solcher den gesunden Menschenverstand ausblendender Fanatismus zweifellos not: Aus wirtschaftlicher Sicht nämlich ist das Schriftstellerwerden – mehr noch als das Schriftstellersein – eine hochrisikobehaftete Investition: Man bringt Stunden, Wochen und Monate des Lesens, Schreibens und vor allem auch des Nichtschreibens für eine Leidenschaft auf, von der man nie wissen kann, ob man mit ihr jemals aus dem Schatten des Dilettantischen heraustreten, ja ob sich das alles – im Wortsinne – auszahlen wird.

Wahrscheinlich gibt es kaum eine unliterarischere Frage

als jene nach Vorschüssen, Tantiemen und Lesungshonoraren.

«Schriftsteller sprechen am liebsten über Geld», sagte mir mein Verleger einmal. Damit lag Joachim Unseld so gnadenlos falsch wie richtig: Wahrscheinlich gibt es kaum eine unliterarischere Frage als jene nach Vorschüssen, Tantiemen und Lesungshonoraren, doch haben Schriftsteller Bäuche, und die wollen gefüllt werden, wie seinerzeit Thomas Bernhard seinem Verleger – nota bene dem Vater des meinigen – in einem Brief erklärte. Oder anders: Die Höhe der Einkünfte wirkt sich letztlich unmittelbar auf die Länge desjenigen Zeitraums aus, der für das nächste Buch zur Verfügung steht. Und so ist ein Reden über das Schriftstellerwerden auch immer eines über Geld und das Streben danach gewissermassen die conditio scriptoria.

«Wenn es etwas gibt, was ich nicht ausstehen kann, dann sind das Anfänge», sagt oben zitierte Erzählerin an einer Stelle, und auch ihr geistiger Vater kann Anfänge und vor allem die Frage nach ihnen nicht ausstehen. Dennoch treibt sie ihn zuweilen um, auch wenn – oder gerade weil – er weiss: Ein solches Bohren in der Vergangenheit muss unweigerlich an sich selbst scheitern, existiert doch der Anfang gar nicht. Gewiss, es gab die Gedichte eines Achtjährigen, die sich durch ein konsequentes Fehlen von Relativpronomina auszeichneten. Es gab die naiven Erzählungen, die ein Heranwachsender für die Maturaarbeit im Fach Spanisch schrieb. Es gab diesen Moment in einem viel zu teuren Stockholmer Fünfsternehotel, in dessen Hof ein Paar seine Leidenschaft herausschrie, so dass ein Stockwerk tiefer ein Zwanzigjähriger bis weit hinein in die blauen Stunden wachlag und Gedanken wälzte, die sich einer um den anderen zu einem Text verwoben, seinem ersten in deutscher Sprache. Doch hatte damit das Schreiben angefangen?

Noch sollten sechs Jahre vergehen, bis 2013 meine zwei ersten Texte in zwei Literaturzeitschriften erschienen – und zwar am selben Tag. Einem zutiefst rationalen und ebenso abgrundtief abergläubischen Menschen, wie ich es bin, galt das als günstiges Vorzeichen. «Jetzt fängt alles an», dachte ich und legte mir selbstgefällig die Vorschusslorbeeren um die Schläfen. Ich wusste damals nicht, wie oft ich diesen Satz noch denken sollte. Dennoch: Die Anerkennung meiner Arbeit durch unabhängige Instanzen war in diesem rahmenlosen Werden von grösster Bedeutung, hatte ich doch keinen Mentor, der mir beigestanden wäre, und Gleichgesinnte lernte ich, auch bedingt durch zwanzig Wohnsitzwechsel in fünfzehn Jahren, eher spät kennen.

Letztlich überwogen aber die Selbstzweifel im nunmehr sechsundzwanzigjährigen Studenten der Archäologie so sehr, dass ich meine literarischen Ambitionen lange geheim hielt. Dann aber kamen einige kleinere Preise und weitere Veröffentlichungen hinzu, und irgendwann liessen sich die Dinge, wie sie lagen, nicht mehr verbergen. Das bisschen an Bewunderung und die grosse Skepsis, die mir nun entgegenschlugen, waren mir zutiefst unangenehm: Einerseits, hätte ich den Bewunderern gerne geantwortet, hatte ich noch nichts erreicht; andererseits, hätte ich Skeptikern gerne entgegnet, hatte ich ja doch schon etwas erreicht. Aus diesem Gedanken lässt sich vielleicht am besten ersehen, dass das Schriftstellerwerden vor allen Dingen ein fortwährendes Taumeln ist.

Im Herbst 2016 zog es mich nach Verdun. Als ich mit von der Nässe aufgequollenen Lederschuhen aus einem Schützengraben unterhalb von Douaumont trat, erreichte mich die Nachricht, dass ich zum «Open Mike» in Berlin eingeladen war. Allerhand hatte ich von diesem bedeutendsten Nachwuchswettbewerb der deutschsprachigen Literatur gehört, wobei mir so manches nicht allzu glaubhaft schien. Ich schwankte dieser Tage also zwischen skeptischem Unglauben und grenzenloser Euphorie und Hoffnung: Jetzt fängt wirklich alles an.

Gewiss: Kometenhafte Schriftstellerkarrieren, die beim «Open Mike» ihren Anfang nahmen, hat es gegeben. Meistens allerdings tragen sich die Dinge etwas unspektakulärer zu. Unverbindliche Kontakte zu einzelnen Agenturen oder Verlagen entstehen. «Falls du mal was Längeres schreiben solltest», heisst es dann, während die Visitenkarte in dankbare Hände findet. Der Zufall wollte es, dass ich gerade mit «etwas Längerem» begonnen hatte, was ich im Sommer 2017, als es dann noch etwas länger, aber längst noch nicht fertig war, an eine Agentur schickte, zu welcher der Kontakt über den «Open Mike» entstanden war. Auch wenn sich mittlerweile weitere Türen auftaten – durch weitere Wettbewerbe, Stipendien und Schreibwerkstätten lernte ich neue Agenten und Verlagslektoren kennen –, sollte sich dieser erste Kontakt als entscheidend herausstellen: Als sich die Arbeit am Romanmanuskript einem absehbaren Ende näherte, ging die Agentur damit bei zahlreichen Verlagen um.

Als ich im Frühherbst 2018 zu den Landungsstränden in der Normandie aufbrach, wusste der abergläubische Teil in mir, dass auch meine zweite Bewerbung zum «Open Mike» erfolgreich sein würde; ich hatte das erste Kapitel meines Romans eingeschickt, für den ich etwas Werbung zu machen hoffte – was sogar gelang: Am Rande des Wettbewerbs, zu dem ich dann tatsächlich eingeladen wurde, meldeten sich weitere Verlage, doch war das zu diesem Zeitpunkt im Grunde nicht mehr vonnöten. Schon im Vorfeld nämlich waren bei meiner Agentur mehrere Angebote eingegangen, so dass ich mich nur noch für das beste entscheiden musste. Am 20. März 2019 ist «Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat» erschienen.

Ich würde lügen, behauptete ich, nie darüber nachgedacht zu haben,

an einem Literaturinstitut zu studieren.

Ist es gut, dass alles so kam, wie es kam? Ja, möchte man sagen. Doch im Nachhinein lassen sich über die Dinge stets schärfere Urteile fällen. Ich würde lügen, behauptete ich, nie darüber nachgedacht zu haben, an einem Literaturinstitut zu studieren. Ein solches Studium wäre mir vor allem Gelegenheit und Vorwand gewesen, drei Jahre – gesellschaftlich mehr oder minder akzeptiert – schreiben zu können. Vielleicht hätte mir der Austausch mit Gleichgesinnten und überhaupt der Rahmen, innerhalb dessen man sich bewegt, Halt gegeben. Sicher aber hätte ich schneller Kontakte in den Literaturbetrieb knüpfen können. Im Austausch dafür hätte ich mein Studium oder meine Promotion für drei Jahre unterbrechen und mich während dieser Zeit auf irgendeine Weise finanzieren müssen. Und hier lag letztlich auch der Knackpunkt: Lange war ich mir nicht sicher, wie ernst es mir mit dem Schreiben wirklich war. Ich fürchtete, vielleicht nur einer dieser Menschen zu sein, denen vor allem daran gelegen ist, einen Schriftsteller darzustellen. Die möglichst gut oder gerade möglichst schlecht gekleidet in französisch anmutenden Bars verkehren, Parisienne auf Kette rauchen und in rauhen Mengen dieses abstossende Gesöff namens Pastis – natürlich Pastis – in sich hineinschütten. Doch Texte, auch das musste ich lernen, entstehen daraus nicht, schon gar keine guten. Routine braucht es, unendlich viel Routine, einen völlig unromantischen, da immer gleichen und ausgeglichenen Schreiballtag, Hartnäckigkeit und das unerschütterliche Vertrauen darauf, dass nach schlechten Tagen auch wieder gute kommen. Also: Wenn es dir wirklich ernst damit ist, sagte ich mir, dann kannst du mit dem Pastis auch warten, bis das erste Buch da ist.

So viel sei verraten: Gewartet habe ich tatsächlich, und zwar bis heute. Weil ich gemerkt habe: Ernst ist es mir wirklich. Und natürlich auch, um dieses ekelhafte Zeug nicht trinken zu müssen.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»