Jenseits der Provinz

Ernst Halter: Hinter den sieben Bergen. Erzählungen. Zürich: Limmat, 2012.

Jenseits der Provinz
Der Aargau ist im 20. Jahrhundert, als er von Albin Zollinger zum «dunkeläugigen Kanton» designiert wurde, erst allmählich wieder auf die literarische Landkarte gerückt. Als langfristige Werte der neueren Aargauer Literatur erwiesen sich Erika Burkart und Hermann Burger, Klaus Merz und Hansjörg Schneider. Ernst Halter, einst verheiratet mit Erika Burkart, ihr bedeutendster Lektor und nachhaltigster Förderer, wagt sich an eine Bestandsaufnahme, in der Erinnerungen wie aktuelle Betrachtungen des Kantons und seiner Bewohner nebeneinandergestellt sind.

Die Erzählung «Über die sieben Berge» etwa liest sich als sprödes, aber präzises Porträt einer heruntergekommenen Mittellandgegend, vorwiegend aus der Perspektive des Autofahrers, der es vorzieht, statt der Autobahn seine Heimat einmal über «die sieben Berge», die zahlreichen, meist hügeligen aargauischen Binnenlandschaften, zu befahren. Landschaften, deren Bewohner manchmal sektenanfällig sind. Einstige Bräuche wie der Kiltgang sind anscheinend durch das Lockvogelangebot von ländlich-abgelegenen Striplokalen ersetzt worden, doch herrscht allgemein null Bock: «Im Wirtshausgarten sind die Tische leer, denn die Show der drei Schönen, Mercedes, braun, aus Jamaica, San San, gelb, aus Hongkong, und Uschi, weiss, aus Rubigen, wird drinnen abgezogen.» Aber wohl nur vor wenigen, gewiss nicht jungen Besuchern. «Seichte Zeit, ausgeräumtes Land, ohne Erinnerung, gut genug, dem Meistbietenden zugeschlagen zu werden. Zwischendurch mal ein Mopedfahrer.» Vom «Landvolk», wie es der Chronist Franz Xaver Bronner 1840 charakterisierte, kann in der Deutschschweizer Bandstadt kaum mehr gesprochen werden.

Der wohl stärkste Text trägt den Titel «Mythen» und handelt von einem philosophierenden und zeitkritischen Club, geeint durch die gemeinsame frühere Schulzeit. Die Charakterisierung der beiden Hauptpersonen Fabius Dunkel, eines fanatischen Puppensammlers, und des Komponisten Herbert Lichtegg bringt neben einem ausdrucksstarken, am Beispiel der zerfallenden Stiftskirche die Jahrhunderte einbeziehenden Blick auf Zofingen starke zeitkritische Akzente, die aber im Nachwort zur «Wahrheit eines schwerstbedrohten Manisch-Depressiven» relativiert werden. Das Wichtigste an diesem intensiven Text scheint mir der Hinweis auf eine nicht nur im Aargau vorhandene aussenseiterische männliche Genialität. Halters Protagonisten Dunkel und Lichtegg (sprechende Namen!) sind trotz modellhafter Anklänge fiktive Gestalten, nicht fiktiv scheint hingegen die feuilletonistische Schilderung von Kunsthaus-Pionier Heiny Widmer (1927–1984), wie er als Knabe auf dem Bözberg noch ganze Schwärme von Schmetterlingen beobachtet hat.

Nun, wir erfahren: Diesen Aargau gibt es nicht mehr. Der Erzählband, dessen sieben ausgefeilte Stücke Halters narrative Meisterschaft im Entwickeln von Charakteren und im Wiedergeben von Stimmungen unterstreichen, wird keine Touristen in den Aargau locken, nicht einmal Sonntagsfahrer. Was bleibt, ist ein Rest von Poesie. Und Ernst Halter bleibt in diesen seinen Geschichten, die ihn ein Leben lang begleiteten, Stück für Stück Sprachvirtuose. Sein Haupt- und Lebenswerk, der Roman Jahrhundertschnee (2009), wird durch diesen Erzählband nicht übertroffen, lesenswert ist er allemal.