Ariane von Graffenried: «Babylon Park»

Ariane von Graffenried:
«Babylon Park»

 

Je passe par la rue de l’avenir / sans but / et relativement verlore / i frömde Lüt / u eigete Hirnregione» – charmant, wie sich Französisch auf Mundart reimen kann. Genau diesen Spagat unternimmt Ariane von Graffenried in ihrem neuen Werk «Babylon Park». Der Name ist Programm: hier knospt ein babylonisches Sprachenwirrwarr. Die Frage lautet: kommt es auch zur Blüte?

Die Reime zwischen Berndeutsch, Englisch und Französisch, mit denen hier eine eigene Ordnung geschaffen wird, sind das gelungenste Element von «Babylon Park». Besonders gilt das für diejenigen Kreuzungen, bei denen man die Bedeutung eines Wortes erst durch den Reim herausfindet: dass beispielsweise das «but» aus obigem Zitat französisch sein muss, da es sich auf Berndeutsch «Lüt» reimt. Die babylonische Vielfalt wird auch medial ausgearbeitet. Zum Buch mitgeliefert wird das 2015 erschienene Album «Grand Tour», das aus Hörstücken und einem Film besteht. Dort vertont die Autorin im Duo mit dem Musiker Robert Aeberhard Texte des Buchs. Sie lassen einen spazieren in diesem lebhaften «Dürenang», und die Lese- erweitert sich um Hör- und Seherfahrung. Bei allem virtuosen Wirbeln zwischen den Sprachen lässt uns von Graffenried nicht allein, wenn Bedeutungen und Sprachebenen ein- und aufbrechen.

Nicht so gelungen sind die zwischen den lyrischen Passagen eingestreuten Prosastücke. Sie wirken deplatziert und unmotiviert und stören nicht selten sogar den Lesefluss. Es wäre nichts verloren gewesen, hätte man diesen Prosastücken einen gesonderten Platz zugewiesen. Selbst wenn man in der Gegenüberstellung von Lyrik und Prosa eine Konfrontation mit dem ständig Neuen und Fremden einer erst noch zu entdeckenden Welt zu sehen bereit wäre, hätte es einfach mehr Mut zu formalen Ausbrüchen gebraucht. Immerhin: auch die Prosa glänzt mit Kapriolen zwischen Schrift- und Sprechsprache. Und das Buch bleibt zum Glück auch nicht beim sprachlichen Experiment stehen: «obwou i se gar nid au versta di Sprache / u o nid di Sprachbeder / ni d’ailleurs les eurocrates.» Es ist eine der wenigen explizit politischen Stellen in einem Buch, dessen Engführung von Babylon und Globalisierung mehr davon durchaus reizvoll vorgegeben hätte.

Die Sprache der lyrischen Stimme ist bildhaft, zeugt von Achtsamkeit und Gehör fürs Subtile. Der menschlichen Verletzlichkeit wird mit Neugier fürs Andere und mit Offenheit begegnet. Die Reise und Beobachtung als bereits formuliertes Leben sind Teil dieser Poetik, in der «das ewige Loufe schon e Teggscht» ist.

Ariane von Graffenried: Babylon Park. Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2017.

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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