Tom Zürcher: Kein (r)echter Mann

Tom Zürcher: Kein (r)echter Mann

Nachtmahr der Langstrasse und Antiheld.

Ein verdreckter Arztkittel flattert im Wind. Er gehört Mobbing Dick, Nachtmahr der Langstrasse und titelgebendes Alter Ego des Antihelden Dick aus Tom Zürchers neustem Roman. Beginnt dessen moralischer Verfall zum kaltherzigen Nihilisten noch mit harmlos-kindischen Telefonstreichen, so erreicht er seine eruptive Klimax in einem Exzess sadistischer Triebentfesselung. Dabei war Dick als Jungspund und Jurastudent zunächst «nur zu seinem Arm böse», wie der Erzählauftakt lakonisch kundgibt. Anlass für die blutige Selbstverstümmelung ist sein Leben im Druckkessel der konservativen Reihen-hausfamilie, deren Bigotterie und gedeckelte Machtkämpfe er seinem naiven Antlitz zum Trotz leicht durchschaut. Schliesslich wagt Dick den Aufbruch in die Autonomie: Stupides ZGB-Büffeln und Spiesserheim werden gegen Bankerjob und Schmuddelappartement im ­Rotlichtviertel eingetauscht. Doch der Befreiungsschlag muss scheitern, bewirkt der Szenenwechsel doch lediglich eine Positionsverschiebung im selben repressiven System. Unaufhaltsam dreht die Spirale des Verderbens Dick in den Abgrund der Aporie.

Entlang eines stenografisch nüchternen Jetztzeitberichts folgen wir Dicks Abstieg in schleppendem Schritttempo. Trotz seines Widerwillens gegenüber Leistungsdruck und rücksichtslosem Konkurrenzkampf befördert man ihn bei der Bank die Karriereleiter hinauf. Doch der Weg zurück ist keine Option, sind die Strukturen der konservativen Bourgeoisie und des Finanzkapitalismus doch identisch, und zwar pa­triarchal. Diese Parallelisierung verweist auf die Kerntragödie der Geschichte: Dicks Scheitern daran, ein (r)echter Mann zu werden. Weder vermag er in die Fussstapfen Dick Cheneys zu treten – nach dem er von seinen Eltern benannt wurde –, noch gelingt es ihm, ein «Dick» zu werden, wie es die Chauvinisten der Vermögensverwaltung sind. Toxische Maskulinität ist es, die sich Dick nicht einverleiben kann – und vor der er deshalb in den Wahn flüchtet.

Der Wahnsinn aber ist in dieser Erzählwelt bereits im Kern angelegt und entspinnt sich als Kosmos paranoischer Fiktionen, denen die Figuren unterliegen und als deren Katalysator eine schuldökonomische Kultur der Verschleierung fungiert. Dem Schein arbeitet vordergründig auch die personale Erzählperspektive zu, die ein distanziertes Vermessen der Oberfläche suggeriert. Allein, der grotesk verzerrende Blick verrät den Fokus und offenbart, dass der Text vielmehr direkt den Affekt ins Visier nimmt, indem er obsessiv das Körperliche fixiert und das Ineinanderfallen von Lust und Ekel eindringlich fühlbar macht. Zwar knickt der Spannungsbogen über die gut 300 Seiten immer mal wieder ein, was der Monotonie der Parataxe, den oft flach ausfallenden Dialogen und Kalauern geschuldet ist. Dennoch gelingt «Mobbing Dick» das konsequente Durchspielen der Verzahnung kapitalistischer und patriarchaler Strukturen und zeigt, dass unsere alltäglichen Fiktionen gerade in literarisch verfremdeter Gestalt sehr deutlich als solche hervortreten können.


Tom Zürcher: Mobbing Dick. Zürich: Salis, 2019.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»