Martina Clavadetscher:
«Sammler»

 

Martina Clavadetschers Romandebüt ist als letztes Buch im Verlag des verstorbenen Martin Wallimann erschienen. Passenderweise hebt die Erzählung an wie ein nostalgischer Nachruf auf das gedruckte Buch und die Sinnlichkeit des Lesens. Sofia steht im Antiquariat, ihrem täglichen Zufluchtsort. Vertraut ächzen die Dielen unter den Sohlen, es riecht nach Druckerschwärze und altem Papier, und das Morgenlicht verleiht dem Ganzen einen «staubigen Zauber». Die Feier der Materialität des Buchs wird sogleich noch potenziert durch Sofias Fund: ein Buch mit eingeklebten Gedichten, ein Unikat, die private Sammlung eines Bibliophilen. Doch damit nicht genug: Die Gedichte sind mit handschriftlichen Randnotizen versehen, in denen der einstige Besitzer offenbar Bezug auf sein eigenes Leben nimmt. Neben einem Hesse-Vers zum «Glitzern, flimmern, vergehn» des Glücks notierte der Sammler «Wie die Liebe – Wie sie», und neben Lasker-Schülers «Weltende» steht «So wird es kommen».

Hat hier jemand ein reales Liebesdrama mit einer Gedichtsammlung dargestellt? Ist tatsächlich jemand gestorben – ja vielleicht ermordet worden? Sofia verbeisst sich in ihren rätselhaften Fund, das obsessive Interesse, mit dem sie ihm bald nachgeht, rührt jedoch nicht von professionellem Interesse – die junge Frau ist Kulturjournalistin –, sondern von tiefsitzendem Kummer. Dass es Sofia nicht gut geht, erfährt der Leser zunächst durch wiederholte Einblicke in ihre körperliche Selbstwahrnehmung. Die Notizen in der Gedichtsammlung empfand sie etwa «wie winzige Splitter, die sich unter ihre Haut stiessen und kitzelnde Impulse in ihre Blutbahn schickten». Clavadetschers psychosomatischer Erzählstil wird erst einigermassen plausibel, als sie endlich mit Sofias Geschichte herausrückt: Nach dem Unfalltod ihres Vaters und Bruders entwickelte sie eine schwere Persönlichkeitsstörung, betrank sich, führte ein erratisches Sexleben und schnitt sich mit Rasierklingen.

Sofias Suche nach der Tragödie hinter dem Gedichtband verquickt sich immer mehr mit der Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Trauma. Die kriminalistische Neugier, mit der sie sich in das Rätsel um den Glossierer und sein mögliches Opfer stürzt, wird trotzdem nicht so recht plausibel. Dazu ist die Charakterzeichnung zu schwach. Und für einen Thriller ist der Plot unterkomplex und das Karussell von möglichen Tätern – zur Auswahl stehen ein mürrischer Dichter und ein gutaussehender Wissenschafter – allzu plump. Trotzdem ist Sofias Spurensuche eine gewisse Spannung nicht abzusprechen: Sobald klar ist, dass tatsächlich eine junge Frau unter mysteriösen Umständen gestorben ist, hastet man der aufgekratzten Sofia atemlos hinterher und hofft auf irgendeine Art von Erfüllung.

Doch wenn die kurze Erzählung nach der Auflösung des Rätsels endet, bleibt beim Leser, in Sofias Währung ausgedrückt, ein Gefühl der inneren Leere. Der titelgebende «Sammler» der Gedichte ist kein Lyrikliebhaber, sondern ein narzisstisches Scheusal, und auch Sofia, Kulturjournalistin und Antiquariats-Dauergast, schert sich keinen Deut um die Kunst. Ins Lesen hatte sie sich bloss gestürzt, um vor dem Leben zu flüchten. Am Ende hat das Leben sie nun wieder – doch wie das ging, ist schlicht nicht nachzuvollziehen. Jedenfalls hat sie, nach dem nächtlichen Showdown im staubigen Antiquariat, nun plötzlich den verklemmten Antiquar für sich entdeckt. Damit soll wohl gezeigt sein: Sie liebt wieder, also lebt sie wieder. Der auratische Gedichtband des Anfangs ist derweil zum…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»