Dein Geschäft stirbt

Autoren auf der einen und Leser auf der anderen Seite – beide werden immer gefragt sein. Das weite Feld zwischen diesen Polen hingegen ist in Bewegung, es wird sich durch die Digitalisierung sogar weitgehend selbst zerstören. Der isländische ePublishing-Spezialist Baldur Bjarnarson hat kürzlich ein düsteres Bild der Verlagszukunft gemalt*. Er vergleicht die Verlage heute mit […]

Dein Geschäft stirbt
André Gstettenhofer, photographiert von Gunnar Gilgen.

Autoren auf der einen und Leser auf der anderen Seite – beide werden immer gefragt sein. Das weite Feld zwischen diesen Polen hingegen ist in Bewegung, es wird sich durch die Digitalisierung sogar weitgehend selbst zerstören. Der isländische ePublishing-Spezialist Baldur Bjarnarson hat kürzlich ein düsteres Bild der Verlagszukunft gemalt*.

Er vergleicht die Verlage heute mit den Kutschenherstellern kurz nach Erfindung des Autos. Fazit: Dein Geschäft stirbt, wenn du einfach weiterhin Kutschen baust. Dein Geschäft stirbt, wenn du versuchst, anstatt Kutschen neu Autos zu bauen – denn die Konkurrenz ist dir schon weit voraus. Und dein Geschäft stirbt auch, wenn du dich gar nicht entscheidest.

Wie entkommt ein Verlag diesem Dilemma? Indem er sich spezialisiert? Auf die Entdeckung von Talenten? Auf die Vermarktung von Inhalten? Auf die Buchherstellung? Den Buchverkauf? Die Literaturvermittlung? Ein grosser oder mittelgrosser Verlag kann das alles ein bisschen, aber nichts davon für sich genommen gut genug. Auf dem digitalen Feld sind Tech-Firmen besser. Amazon kann besser Bücher verkaufen. Talente werden effektiver von Agenten gesichtet. Und das Self-Publishing schafft sowieso lauter Ich-AG-Verlegernachwuchs.

Bjarnarson glaubt deshalb, dass nur die grössten und rücksichtslosesten globalen Verlagsgebilde überleben. Das wiederum glaube ich nicht. Für einmal haben wir kleinen, unabhängigen Verlage die Nase vorn, egal ob digital oder analog. Denn: Wir sind schnell, flexibel und nur selten an alte, verkrustete Strukturen gebunden. Wir finden die Perlen, die die Grossen allzu oft übersehen. Wir leben von Ideen und Idealen, nicht von Budgets. Und: Wir überleben in Märkten, die kaum noch kleiner werden können.

Inzwischen ist Kutschenbau ein marginaler Nischenmarkt. Die dänische Firma Eilersen hat die Fortbewegungsrevolution aber elegant gemeistert: Als Kutschenhersteller verstand man naturgemäss viel von Polstern – heute ist Eilersen deshalb ein gefragter Hersteller von hochwertigen Sofas.

 

André Gstettenhofer ist Verleger (Salis) und lebt in Zürich und Berlin. Seine Kolumne «Digital ist besser» beschäftigt sich an dieser Stelle mit dem Medienwandel im Verlagsgeschäft.

 

* http://publishingperspectives.com/2014/05/bridging-the-gap-why- publishings-future-is-at-risk/