Ernst ist immer. Humor muss sein.

Humor ist gut. Ich bin dafür. Und ich kenne niemanden, der sich von der Aussage distanzieren würde: Humor muss sein. Hingegen kenne ich viele, eigentlich nur solche, die nichts anfangen können mit der Aussage: Ernst muss sein. Unsinn – Ernst muss nicht sein. Ernst ist ja schon. Ernst ist immer. Ernst ist der tägliche Begleiter […]

Humor ist gut. Ich bin dafür. Und ich kenne niemanden, der sich von der Aussage distanzieren würde: Humor muss sein.

Hingegen kenne ich viele, eigentlich nur solche, die nichts anfangen können mit der Aussage: Ernst muss sein.

Unsinn – Ernst muss nicht sein. Ernst ist ja schon. Ernst ist immer. Ernst ist der tägliche Begleiter des Jedermann. Man wird ihn nicht los. So wie man das Ticken einer Uhr nicht loswird.
Ja, sogar im Uhrenticken steckt Ernst.

Ernst muss also nicht sein, da er schon ist. Humor aber nicht. Humor muss sein.

Aber: warum eigentlich?

Als Kind spürte ich früh, dass er einfach sein muss, der Humor. Auch wenn ich nicht wusste, was Humor ist, so richtig. Dass er mit im Spiel ist, wenn gelacht wird, das war klar. Und dass
man über eine Person, die es regelmässig versteht, bei anderen Lachen hervorzurufen, sagen kann, sie «habe Humor» – das auch.

So eine Person war bald mal ich selbst. Und doch hätte ich von mir kaum gesagt, ich hätte ihn, den Humor. Vielleicht ist es wie beim Geld: Die Habenden hören immer nur von den andern, sie hätten es.

Wenn ich den Zeitfokus auf meine, sagen wir, siebenjährige Seele fahre, dann erkenne ich im Humorhabenden eher den Entbehrenden. Und wenn ich mich noch mehr in ihn hineinversetze und mich dabei frage, was es denn genau war, das er da entbehrte, so lautet die Antwort: das Echte.

Stille am Tisch kann schön sein, wenn es durch Konzentration auf die Sinneswahrnehmungen im Mund erzeugt wird. Sie kann aber unerträglich sein, wenn sie eine Sanktion ist oder Zensur. Oder aus Niedergeschlagenheit erwächst. In solchen Momenten musste im Siebenjährigen ein Reflex gewirkt haben, der seine Anlagen aktivierte. Und alles, was sich gerade anbot, war in diesen Momenten recht, um die erstarrte Stimmung zu entstarren. Das Geräusch des Salatbestecks, das ich zum Glockengeläut der katholischen Kirche erklärte (meine Mutter war Organistin in der evangelischen!), oder eine Nachbarin konnte es sein, zu der mir plötzlich eine Begegnung einfiel (wahr oder unwahr – egal in diesem Moment, Hauptsache, die Imitation ihres Tonfalls löste Lachen aus). Denn darum ging es: um die Wiederherstellung von Bewegung, von Fluss.

Der Begriff Humor stammt vom altfranzösischen humour, was für Flüssigkeit und Körpersäfte stand; nach früherer Auffassung waren die Stimmungen und Temperamente der Menschen abhängig von der jeweiligen Mischung der vier wesentlichen Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle). Daher der Bezug zu «Feuchtigkeit» (Humidität). Und über die Zwischenstufe humeur mutierte der Begriff schliesslich zum heutigen Humor.

Humor musste also sein – unbedingt und sofort.

Und später? Beim Siebzehn-, beim Siebenundzwanzigjährigen? Als es längst nicht mehr um das Enteisen von Scheissstimmungen ging? Beim Jugendlichen muss es irgendwann geklickt haben, dass in der grossen Welt, in der jenseits des Familientisches, ebenfalls flusshemmende Kräfte das Sagen haben – und dass darauf ähnlich reagiert werden kann, nein: muss. Nicht zufällig hiess eines meiner ersten Soloprogramme «Stören-Friede».

Sogar leben konnte ich bald mal davon, bis ich es langsam leid wurde, von den Kollateralschäden meiner menschlichen Widersacher immer nur zu profitieren. Aus den Figuren, die ich vorher machte, wurden Figuren, die ich lebte. Den fragilen Slow- Motion-Denker Hanspeter Brauchle, den sperrig-kreativen Alten Theo Metzler, den sensitiven Osteuropäer Jovan Nabo und andere mehr. Es sind Figuren im dauernden Versuch der Lebensbewältigung – mal verzweifelt, mal umständlich, mal phantasievoll. Figuren, die ich nicht der Aussenwelt abgeguckt habe, nicht der öffentlich bekannten jedenfalls. Figuren, die sowohl im Zuschauer wie in mir drin sitzen. Unbeschäftigt und aus irgendeinem Grund  zum Schweigen verurteilt.

Und siehe – von ferne grüsst es wieder: das Schweigen am Tisch. Plus Gegenmassnahmen. Ja: Humor muss sein!