Saluti dall’America

Tessiner in der Neuen Welt

Saluti dall’America

Zwischen 1850 und den 1950er Jahren suchten so viele Tessinerinnen und Tessiner ihr Glück in den USA, dass eigens für sie «Ausreiseführer» geschrieben wurden: mit allen Bahn- und Schiffsverbindungen von Chiasso über Le Havre bis zu Ellis Island vor New York. Einige, die die beschwerliche Reise wagten, kamen reich zurück, viele blieben dort und arm. Die Emigrationsgeschichten der kargen Täler, ja der lange Zeit bitteren Armut des ganzen Südkantons schlugen sich aber vor allem in einer ganzen Reihe belletristischer Werke nieder: «Der Stammbaum» von Piero Bianconi und «Nicht Anfang und nicht Ende» von Plinio Martini sind nur zwei Tessiner Klassiker, die den Auswanderern ein literarisches Denkmal setzten und bis heute daran erinnern, dass Emigration nicht Lust, sondern Notwendigkeit war.

Bis in die Gegenwart lassen sich die Nachfahren dieser Auswanderer in Kalifornien lokalisieren, ihre Geschichten, ihre Namen, ihre Erinnerungen und Symbole.

Die Photographin Flavia Leuenberger hat einige davon für diese Zeitschrift festgehalten. Ihren Arbeiten stehen auf diesen Seiten sehnsüchtige Gedichtzeilen und Briefausschnitte von Tessinern im Ausland gegenüber, die Julia Dengg (Brief) und Christoph Ferber (Gedicht) übersetzt haben


Literatur

Luigi Antognini (Hrsg.): L’emigrante ticinese. Guida per il viaggio dal Ticino in California. Bellinzona: A. Salvioni, 1926. (Nationalbibliothek-Signatur NGb 24243)

Piero Bianconi: Der Stammbaum. Eine Tessiner Chronik. Zürich: Limmat, 2016 (Übersetzung: Hanneliese Hinderberger).

Giorgio Cheda: l’emigrazione ticinese in California. Locarno: A. Dadò, 1981.

Plinio Martini: Nicht Anfang und nicht Ende. Roman einer Rückkehr. Zürich: Classen, 1997 / Limmat, 2016 (Übersetzung: Trude Fein).


 

 

 

Neujahrsgedicht

O wie schnell gehn die Jahre vorbei!

Eins ist tot und ein anderes kommt!

Meine Erde, ein gutes Neujahr

Wünscht aus Übersee dir heut mein Herz.

 

Bin so fern, meine Heimat, so fern,

Bin so ferne, so ferne von dir!

Ist auch ferne von dir meine Hand,

Nein, mein Herz, nein, mein Herz ist es nicht.

 

In der Brust schlägst du, Heimat, mir stets,

Lässt sie pochen vor Freude und Lust.

Dich, Tessin, und dich, Himmel, so licht,

Euch vergesse, vergesse ich nie.

 

Wenn du leidest, so leid ich mit dir,

Bist du froh, schlägt mir glücklich das Herz,

Freies Land, wo geboren ich bin,

Dir sei Liebe und Friede gewährt.

Euch, Familie, euch Freunde, ich grüss

euch aus schönem, doch anderem Land,

Grüss euch, Berge verschleiert von Schnee,

Grüss dich, lächelndes, heiteres Tal.

 

Ja, ihr kennt ihn, der Freiheit Triumph,

Aller Mühsal zum Trotz – ich noch nicht.

Meine Heimat, ein gutes Neujahr

Wünscht aus Übersee dir heut mein Herz.

 

Gedicht von Antonio Pedranti, aus Broglio, geschrieben in Valley Ford, Kalifornien, 18. November 1881; gerichtet an seine Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde daheim.

Aus: Giorgio Cheda: L’emigrazione ticinese in California. Locarno: A. Dadò, 1981. Aus dem Italienischen von Christoph Ferber.


 

 

 

San Francisco, 1. April 1924

 

Liebe Eltern,

das Osterfest naht und meine Brigida trägt mir auf, euch ein paar Zeilen mit Festtagsgrüssen zu schicken, ich weiss ehrlich gesagt nicht einmal, wann Fasnacht oder Fastenzeit ist, für mich sind alle Tage gleich, denn ich arbeite alle Tage und habe keine Zeit, den Kalender zu studieren. Uns geht es gesundheitlich gut und wir arbeiten alle Tage, in der Hoffnung, unseren lieben Eltern und Verwandten in der Schweiz einen Besuch abzustatten. Ich habe Nachrichten aus Salinas bekommen und den Verwandten und Freunden geht es allen gut, unser Haus ist seit mehr als einem Jahr an dieselben Leute vermietet. Unser Freund Basilio Lanini schreibt uns alle Monate, wenn er uns den Scheck für die Miete schickt, für mich ist er besser als ein Freund, er macht mir so viele Freuden, alle gratis, schade…

Das Weite suchen

Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge sollen die ersten gewesen sein, die unter «Heimweh» litten – Reisläufer, Söldner, die im 17. Jahrhundert ihren Lebensunterhalt in Kriegen verdienten. «In der Brust schlägst du, Heimat, mir stets / Lässt sie pochen vor Freude und Lust», schreibt einer der vielen Tessiner Auswanderer nach Kalifornien 1881 an seine Familie in Broglio. Und heute? […]

gehen & kommen

nein heimweh hatte ich nie wenn ich weg war personen fehlten mir zuweilen die sprache in der ich zuhause bin da gehe ich mit goytisolo – ein autor ist nicht in einem land einem kulturkreis heimisch sondern in seiner sprache nein heimweh hatte ich nie   ich bereiste die ränder mich interessierten die abgründe die […]