Rehabilitation

aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Sauser

Der Immobilienagent war, sechs Monate nach dem Unfall, der erste, mit dem ich etwas hatte. Einige Zeit nach der Vertragsunterzeichnung tauchte er mit siegesgewisser Miene bei mir auf.

Vielleicht hatte er sich vorgestellt, dass ich ihn auffordern würde, sich zu setzen, dass er etwas zu trinken bekäme, dass wir ein bisschen über die Wohnung plaudern würden.

Aber sie war fast leer. Ich wohnte seit zwei Wochen darin und hatte nur ein Bett, Handtücher, einen Staubsauger gekauft.

Alle meine Sachen sind in der alten Wohnung geblieben. Die Verwaltung hat sie bestimmt weggeworfen. Wenn ich etwas brauche, kaufe ich es.

Der Immobilienagent trug den Regenmantel über dem Arm. Er sah aus wie ein Privatdetektiv. Oder wie ein Gentleman.

Er sagte: «Sehen Sie, wie viele Dinge in den Wandschränken Platz finden?»

Vielleicht dachte er, dass all das, was er nicht sah – Sofa, Ausziehtisch, eine ganze Batterie von Kochtöpfen –, in den Schränken steckte.

Lächelnd ging er im leeren Wohnzimmer umher, wie damals, als er mich das erste Mal begleitet hatte. Das macht er wohl aus Gewohnheit, unvermietete Häuser sind ihm ja vertraut.

Er legte den Regenmantel in der Küche auf die Arbeitsfläche und trat zu mir an den kalten Kamin.

Fing an, an den Kleidern zu nesteln, ein bisschen oben, ein bisschen unten zu fingern.

Irgendwann sagte er: «Ich dachte, dass du voller Narben bist.»

Ich habe tatsächlich ziemlich viele Narben, was er damit wohl meinte?

Vielleicht hatte er erwartet, dass eine davon über den ganzen Rumpf läuft, vom Schamhügel bis zur Halsschlagader. Eine Art Reissverschluss, wie bei den Schlafanzügen in der Kindheit.

Bevor er ging, sagte er: «Ich habe etwas für dich», und stöberte in den Taschen seines Regenmantels.

Er überreichte mir einen Schlüssel für die Waschküche.

Es gibt da einen jungen Arzt. Er ist mit einer Frau liiert und lässt mich nicht in seine Wohnung. Obwohl sie nicht zusammen wohnen. «Ich würde mich wirklich wie ein Schwein fühlen», sagt der junge Arzt.

Er kommt herunter, wir gehen in sein Auto, normalerweise fahren wir nicht einmal aus der Garage.

Nach zwei Minuten geht die Neonlampe automatisch aus.

Einmal kam eine Familie.

Doch die Garage ist riesig, die Kinder rannten herum und lärmten, die Erwachsenen riefen nach ihnen. Uns bemerkten sie nicht.

Kinder mit Namen wie Noah, Paul, Sebastian. Alte Namen. Oder vielleicht Kevin und Chanel.

«Jetzt ist aber Schluss, sonst…»: Sagen Eltern eigentlich immer alle dasselbe? «Wenn ein Auto kommt, überfährt es dich!» «Wenn du nicht aufhörst, gibt es heute keinen Trickfilm!»

Aber was weiss ich schon davon? Hätte ich Kinder, würde ich bestimmt auch dasselbe sagen.

Ein andermal habe ich mich im Dunkeln an den Skis des jungen Arztes geschnitten. Er hatte sie im Auto gelassen.

Ob ich Starrkrampf nachgeimpft hätte?

Er ist Arzt.

Zur Sicherheit nahm er das Desinfektionsmittel aus der Autoapotheke und sprühte es auf die
Wunde. Ein Kratzer.

«Nach all dem, was ihr mir im Spital gegeben habt», sagte ich.

Er sagt, dass unsere Treffen ihn jedesmal in eine Krise stürzten.

Als Mann und als Arzt.

«Ich habe eine Freundin», sagt er immer wieder.

Er macht sich Vorwürfe.

Jedesmal kündigt er an, dass wir reden müssten.

Aber nach zwei Minuten geht das Licht in der Garage aus.

Vielleicht verschwinden die Narben mit der Zeit.

Unter der Dusche ertaste ich die Stellen, wo ein Stück Glas oder Metall eingedrungen ist.

Einer der Splitter ist dringeblieben.

«Wie gross ist er?», hatte ich die Ärzte gefragt.

«Wie schwer?» Keine Ahnung, warum mir das wichtig schien. Die Waage würde mir ein Gramm
anzeigen, das nicht meins ist.

Aber auch in den Beinen habe ich Stücke, die nicht mir gehören.

Neue Stücke, ohne die ich nicht laufen könnte.

Ich machte, was sie mir auftrugen. Übungen, in der Turnhalle, im Schwimmbad, im Bett.

Ich mag Gymnastik. Du zählst bis acht, bis zehn. Und wiederholst.

Die Ärzte und Physiotherapeuten waren voller Bewunderung, wie schnell ich aufholte.

Sie machten mir Komplimente für meine Rehabilitation.

Rehabilitiert sein hat viele Bedeutungen.

Nach einer Krankheit wieder in Form sein. Oder, wie bei mir, nach einem Unfall.

Aber es geht auch um den Ruf. Also um das Bild, das man von dir hat. Man muss einen Verdacht, eine Schuld von sich weisen, man muss wieder jemand sein, der «in Ordnung» ist. Man muss Busse tun.

Das dauert schon länger.

Rehabilitiert sein bedeutet auch, dass man wieder Dinge machen darf. Auch leben.

Ich wusste nicht, dass man sich auf so viele Arten rehabilitieren muss.

Ich öffne die Augen, der Mann hat sie zu.

Er ist nicht hässlich. Weder schön noch hässlich.

Man sieht fast nichts von unten.

Er schwitzt, aber nur ein wenig. Es scheint ihn nicht anzustrengen.

Eine ganze Weile geht das nun schon so, er atmet regelmässig.

Vielleicht ein Sportler. Vielleicht findet man sein Gesicht auf einem Sammelalbum-Sticker.

«Möchtest du wechseln?», fragt er.

Ich habe nicht erwartet, dass er etwas sagt, und erschrecke. «Was wechseln?», frage ich.

«Den Platz.»

«Nein, nein, nicht nötig», sage ich, «schon gut so.»

Er ist nett, denkt an mich.

«Perfektion ist etwas Einfaches, wie ein gut gemachter Saum», sagt meine Mutter.

Darüber könnte man sich lange unterhalten.

«Ich kann nicht nähen», antworte ich.

Ich betrachte ihre schönen blondgefärbten Haarsträhnchen, möchte lieber, dass sie aufsteht, statt vor mir zu knien und meinen Rocksaum zu heften.

Sie behandelt mich wieder wie ein Kind, schenkt mir Kaschmirstrumpfhosen und wünscht mir per SMS eine gute Nacht.

Mit dem Saum als Entschuldigung kniet sie sich vor mich hin und fleht mich an, glücklich zu sein.

Mit Marco war es einfach. Wie wenn in einem Zimmer jedes Möbelstück seine Wand hat.
Wie wenn jeder Baum seine Landschaft hat. Manchmal hält man das Einfache für banal. Nimmt es als selbstverständlich hin.

Fahr du», hatte er an dem Abend gesagt. Und bei der Autobahneinfahrt: «Pass auf, der Lastwagen.»

Glas, Blech, Fleisch.