Silvio Blatter:
«Wir zählen unsere Tage nicht»

 

Auf der Zürcher Bahnhofstrasse beim Shoppen: die berühmte Radiomoderatorin Isa Lerch. In einer stillgelegten Kiesgrube beim Arbeiten: der nicht minder berühmte Bildhauer Severin Lerch mit seinem japanischen Hund Akita, mittlerweile: Akita IV. Mit dem Porträt dieses seit Jahrzehnten miteinander vertrauten Ehepaars beginnt der neue Familien- und Gesellschaftsroman von Silvio Blatter. «Severin war in ihrem Leben der Rückhalt, und sie war in seinem Leben doch auch eine feste Grösse. Daran glaubte Isa. Sie wollte das glauben. Ihr Mann war ihr grösster Fan und gab ihr das Gefühl, geliebt zu werden, immer noch.» Alles bestens? Bei einem Autor, der schon oft bewiesen hat, dass er vor Krimi-Konstellationen keine Scheu kennt? Natürlich nicht! Gleich zu Anfang erfahren wir, dass sich «Krieger» an Severins Arbeitsplatz herumtreiben, die Skulpturen mit Farbe bespritzt oder gar umgestürzt haben. Was sich in der Folge in leicht lesbarer Prosa entfaltet, ist zum einen tatsächlich ein Schweizer Familienroman (mit dramatischen Wendungen), zum anderen aber, der Romantitel deutet es an, eine subtile Reflexion über die Zeit und ihr Vergehen. Über Lebensentwürfe und Alltagsabläufe, die viele Jahre lang funktionieren – und dann plötzlich gar nicht mehr. Bei Isas und Severins erwachsenen Kindern etwa: Die unermüdliche, tüchtige, in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter aufgehende Sandra wird ihr biederes Leben ändern und Dinge tun, die zuvor undenkbar waren – sich kurz mal mit einem 15 Jahre jüngeren Tätowierer vergnügen, zum Beispiel. Der smarte Personalentwickler Matthias wird sich in einen bosnischen Clan verstricken, der noch nie von Coaching oder Selbstoptimierung gehört hat. Isa muss sich vom Mikrofon verabschieden, Severin von seinem Atelier. Zeiten ändern dich, da muss man durch. Alles wird anders, alles wird neu.

Manches an dieser Familie wirkt ein wenig ausgedacht und nicht ganz glaubwürdig – alle sind stets topfit, ernährungsbewusst und sportlich, und selbst der Künstler-Sturkopf Severin wird uns als «Digital Native» präsentiert. Sei’s drum! Man kann dieses Buch als lebensklugen Actionfilm lesen. Action mit Tiefgang und Skepsis – und am Ende mit erfahrungsgesättigter Zuversicht. Heiter und unterhaltsam führt Silvio Blatters Roman vor, dass Veränderungen immer auch Chancen sind.

Silvio Blatter: Wir zählen unsere Tage nicht. München: Piper, 2015.